Essen, Schlafen, Warten : Flüchtlinge in Norwegen

(English text version)

Im letzten Jahr haben etwa 2 Millionen Kriegs- und Armutsflüchtlinge europäischen Boden betreten. Nicht alle derer, die sich auf den Weg gemacht hatten, waren freiwillig aufgebrochen, aber viele hatten sich bereits einen Plan zurechtgelegt, wie und wo sie ankommen wollten. Einige der Flüchtlinge mussten die Reise ins Ungewisse alleine antreten, andere waren auf dem Weg zu ihrer Familie, die bereits in Europa lebte. Einer dieser Flüchtlinge ist Abdul, 25 Jahre alt, aus Tartus in Syrien. Aufgewachsen in Damaskus, floh die Familie nach Angriffen des Assadregimes, bei denen Abduls Vater getötet wurde, zurück in seinen Geburtsort. Tartus war ein ruhiges Städtchen am Meer und vermeintlich sicher durch den russischen Militärstützpunkt. 2012 zog Russland zur eigenen Sicherheit seine Truppen ab und Tartus wurde ebenfalls Kriegsschauplatz.

Abdul in Norwegen
Abdul in Norwegen

Abdul, der zwei Studiengänge abgeschlossen und zahlreiche Sprachen gelernt hat, reiste nach Dubai, um einen Job anzutreten, der die finanzielle Sicherheit seiner Familie garantieren würde. Dubai beschloss schließlich im letzten Jahr, Syrer gesammelt auszuweisen und schlug sich mit dieser Politik auf die Seite Saudi Arabiens. Abdul floh nach Europa. Die Zeitung Neues Deutschland begleitete ihn damals auf seiner riskanten Reise. Seitdem sind einige Monate vergangen und Abdul, der mittlerweile bei Oslo lebt, geht es schlecht. Dieses Interview ist ein Update zu dem im Oktober veröffentlichten Feature.

Norwegen, eines der reichsten Länder der Welt nach Pro-Kopf-Einkommen und einem BIP doppelt so hoch wie das Deutsche, mit nur 13 Einwohnern pro km² (Deutschland 227) und nur 5.2 Millionen Einwohnern gesamt, geriet in den letzten Wochen vermehrt negativ in die Schlagzeilen, als es bei -30 Grad begann, Flüchtlinge über die russische Grenze abzuschieben – mit dem Fahrrad und ohne Winterkleidung, da das Übertreten zu Fuß untersagt ist. Norwegen hat sich damit klar gegen eine europäische Solidaritätsgemeinschaft positioniert und verweigert zu großen Teilen Kriegsflüchtlingen die grundlegende Hilfe. Die Stimmung ist aufgeheizt. Aber wie fühlt man sich, wenn man als einer der wenigen Syrer dieser Tage in Norwegen leben darf? Ich habe mich mit Abdul über die Probleme unterhalten, die damit einhergehen.

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Hallo Abdul. Wie ist es dir seit dem Bericht des ND über deine Flucht aus Syrien, nach Dubai und schließlich Europa, ergangen? Wie ging es für dich weiter und wo bist du heute?

Jan Brock vom ND habe ich damals im Shanti Hostel in Izmir getroffen, wo er Berichte über die Flüchtlinge plante, die in dieser Zeit in der Türkei ankamen. Ich saß mit meinen Freunden Gaith und Firas zusammen und wir unterhielten uns über die Situation in Dubai, das gerade begonnen hatte, Syrer auszuweisen.

Ich hatte in Dubai als Sekretär und Übersetzer des ehemaligen syrischen Botschafters Nawaf Alfares gearbeitet und nebenher als Makler und Eventplaner gejobbt. Nachdem mir die Behörden mitteilten, ich habe das Land zu verlassen, konnte ich mich nicht direkt entscheiden, wohin ich fliehen sollte. Sie sagten mir, ich habe 72 Stunden, um meine Sachen zu packen, Syrer seien nicht mehr im Land erwünscht. Nach Syrien konnte ich nicht zurück, dort war bereits mein Vater getötet wurden, also entschied ich mich für Europa, nachdem ich gehört hatte, dass Kriegsflüchtlinge hier willkommen sind.

Ich erzählte Jan meine Geschichte und das ND beschloss, ein Feature über die Flucht durch Europa zu bringen. Ich erreichte Schweden nach 20 Tagen und von dortaus schickte ich ND meine Fotos und Videos. Der Artikel erschien dann vor einigen Monaten. Die einzige Hilfe, die ich auf meiner Flucht erhielt, ging von Privatpersonen aus. Den Reportern, zwei Frauen in Schweden, und in Griechenland traf ich Dr. Frank aus Oxford, der mir unter anderem auf eigene Kosten eine Unterkunft buchte, bis ich nach Mazedonien weiterreisen konnte. Ohne diese Leute wäre ich wahrscheinlich nicht in Schweden angekommen.

Das war ja im Oktober und heute lebst du in Norwegen. Was ist in der Zwischenzeit geschehen?

Ja, der Artikel erschien im Oktober. Nachdem ich in Malmö in Schweden angekommen war, zog ich weiter nach Gothenburg, wo ich ein paar Tage bei meiner Tante unterkommen und mich ausruhen konnte. Ich buchte dann ein Busticket nach Oslo. An der norwegischen Grenze kontrollierte man meine Papiere und schickte uns nach Råde. In den 7 Tagen vor Ort nahm man meine Fingerabdrücke und mir schließlich den Pass ab. Außerdem unterzog man alle Flüchtlinge einem medizinischen Erstcheck. Nachdem alles okay war, gab man mir mein Gepäck und das Telefon zurück und schickte mich in ein anderes temporäres Camp, ein ehemaliges Hotel im Süden Oslos. Es ging mir nicht gut, ich habe einen angeborenen Herzfehler, der sich auf der Flucht verschlechterte.

Nachdem ich in der Unterkunft angekommen war, fuhren ein paar norwegische Freunde 4 Stunden runter nach Oslo und holten mich ab. Ich übernachtete eine Nacht in ihrem Apartment und sie hießen mich herzlich willkommen mit vielen tollen Sachen. Am nächsten Tag fuhren wir erst einmal ins Krankenhaus und ich zog in die Wohnung meines Cousins in Oslo. Das Krankenhaus reagierte schnell und schrieb an die norwegische Regierung, dass ich definitiv würde bleiben können, da es um mein Herz schlecht bestellt sei. Ich würde regelmäßig zu Checkups im „Lovisenberg sykehus“-Krankenhaus und in der Ulleval Klinik erscheinen müssen. Damit war der Aufenthalt eigentlich geklärt, dachte ich.

Du erwähntest, dass es deiner Gesundheit seitdem nicht besser geht, um es mal positiv zu formulieren. Wie geht es dir aktuell und wie läuft die Therapie? Bist du in Norwegen als Flüchtling krankenversichert?

Ich werde kostenlos behandelt, so weit es den Herzfehler betrifft, aber ich bin in den letzten Monaten in eine schwere Depression gerutscht. Um irgendeine Art Therapie oder Medikation dagegen zu bekommen, müsste ich endlich einen Termin bei der Einwanderungsbehörde erhalten. Sobald sie sich meldet, werde ich nach der Versicherung fragen. Aber die Krankenversicherung an sich ist in Norwegen nur möglich, wenn der Aufenthaltsstatus bestätigt ist. Wenn ich Glück habe, geht das schnell. Ich versuche zur Zeit wirklich nur, so ruhig und geduldig wie möglich zu bleiben, aber mir geht es wirklich mies und ich habe die meiste Zeit ziemliche Schmerzen. Im Februar werde ich operiert, dann wird sich hoffentlich wenigstens die Situation rund um den Herzfehler beruhigen. Aber immerhin diese Medikamente bekomme ich und muss mich alle paar Tage im Krankenhaus melden.

Die Regierung schreibt wohl demnächst eine Art finanzieller Hilfe für Flüchtlinge aus, aber ich habe mich dafür nie gemeldet. Ich brauche kein Geld von der Regierung. Einige der Flüchtlinge haben nichts mehr und benötigen das Geld, um Lebensmittel und Kleidung zu kaufen, aber ich bin nicht für die Arbeit nach Dubai gezogen und schließlich nach Europa gereist, um mich auf staatlichen Geldern auszuruhen. Was ich brauchte, war ein Ort, an dem ich sicher vor dem Krieg in Syrien bin. Ich verbringe meine Zeit mit dem Lernen von weiteren Sprachen, zuerst natürlich Norwegisch, und werde dabei finanziell von meinen Freunden und deren Familien unterstützt.

Ging es dir bereits vor der Flucht gesundheitlich schlecht, oder würdest du sagen, Stress und Trauma haben ihr übrigens dazu getan?

Nein, es war wirklich nie so schlimm. Mir ging es gut, aber diese ständigen Wechsel der Lebenssituation und der Krieg waren einfach zu viel Stress für mich. Zwei Tage vor dem Jahreswechsel wurde nun mein Bruder bei Anschlägen von Seiten der Regierung getötet. Und ich sitze hier und alles was ich tun kann, ist Schlafen und Essen. Ich darf nicht arbeiten und kann nichts tun, um mich irgendwie abzulenken. Ich lerne selbst Norwegisch, das geht. Und ich hab Glück, dass ich hier bereits Freunde hatte, die ich schon lange Jahre kenne. Aber ich bin auch nur ein Mensch und Nichtstun macht mich fertig.
Im Grunde darf ich mich nicht beschweren. Im Gegensatz zu den Camps in den arabischen Staaten, ist das Leben in Norwegen großartig. Aber ich kann nichts für meine Zukunft tun. Ich habe ja auch eine Familie. Meine Mutter mit der Schwester und dem Bruder ist damals in den Libanon geflohen und natürlich kann sie dort auch nicht arbeiten, oder meine Geschwister versorgen. In vielen der arabischen Länder dürfen Frauen gar nicht arbeiten aufgrund wirklich schlechter Gesetze. Wenn du bei uns also Frauen in der Familie hast, dann musst du dich um ihr Einkommen kümmern und so bin nun also ich für die Familie verantwortlich.

Das mit deinem Bruder tut mir leid. Du bist jetzt 25 Jahre alt, ich nehme an, du würdest lieber etwas Sinnvolles mit deinem Leben tun, als nur herumzusitzen, selbst wenn die finanzielle Bürde nicht wäre.

Klar, ich versuche alles, um aus dieser Situation zu entkommen. Aber hier in Norwegen ist das Arbeiten ohne Genehmigung eben verboten. Einige bekommen die Arbeitsgenehmigung nach ihrem Termin bei der Einwanderungsbehörde, aber viele versuchen es auch mit Schwarzarbeit, also dem Arbeiten ohne arbeiten zu dürfen und Steuern zu zahlen. Ich finde das nicht gut. Das schädigt alle und bricht Gesetze, die nicht gebrochen werden sollten. Ich persönlich werde hier definitiv keine Gesetze brechen, doch nicht in dem Land, das mich freundlich aufgenommen hat und sich um meine Gesundheit kümmert.
Ich versuche wirklich, die Geduld aufzubringen, aber von Zeit zu Zeit breche ich einfach zusammen und werde wütend. Ich erkundige mich regelmäßig nach meiner Familie und alles was ich von dort höre ist, dass alles noch schlimmer wird. Ich kann nichts dagegen tun, ich bin völlig hilflos und weine die ganze Zeit deswegen. Ich habe keine Ahnung, wie lange es dauern wird, bis ich tatsächlich die bürokratischen Termine bekomme, aber dann warte ich halt. Aber ich bleibe gesetzestreu.

Abdul versucht das Beste aus der Situation zu machen
Abdul versucht das Beste aus der Situation zu machen

Wenn du jetzt sofort arbeiten könntest, in welchem Feld wärest du tätig? Du hast ja verschiedene Studien abgeschlossen, auf welchen Gebieten eigentlich?

Zuerst habe ich Tourismusmanagement studiert und als zertifizierter Touristenführer abgeschlossen. Ich spreche fließend Englisch, Französisch, Griechisch, Hindi, Hebräisch, Arabisch und jetzt lerne ich Norwegisch. Ich hab mal einen längeren Kochkurs besucht, Kochen ist mein Hobby. Außerdem bin ich professioneller Bauchtänzer. Und während meines Aufenthaltes in Dubai habe ich eine Weiterbildung in CRM und Online Marketing für Immobilienhandel besucht und abgeschlossen. Ich meine, ich weiß, dass ich hier von vorn anfangen muss und zur Zeit würde ich jeden Job annehmen. Eigentlich würde ich gern ein weiteres Studium entweder als Krankenpfleger oder in der Buchhaltung anschließen und das durch Nebenjobs finanzieren. Aber das geht erst, wenn ich die Genehmigung habe.

Das klingt nach einem Plan, ich hoffe, das klappt. Wie gefällt es dir bisher in Norwegen? Wie anders ist das Leben dort, an was musst du dich erst gewöhnen?

Die Unterschiede sind massiv. Eigentlich unterscheidet sich die gesamte norwegische Kultur vom Leben in Syrien. Aber das ist okay für mich. Ich finde mich langsam damit ab, dass ich wenigstens einige Jahre hier leben werde. Da kann ich mich nicht an meinen Heimattraditionen orientieren. Ich habe für mich immer dieses Leitbild gehabt, alle Kulturen gleichwertig zu akzeptieren und mich überall einzufinden. In Dubai war ja auch bereits vieles anders und ich konnte nicht alles tun, was ich von daheim gewohnt war. Meine Freunde bringen mir viel über Land und Leute und den Alltag hier bei, außerdem lese ich sehr viel über die Geschichte Norwegens auf eigene Faust und beschäftige mich mit dem Gesetzessystem hier. Was mir wirklich einen Kulturschock verpasst hat, war die Rolle der Frau hier im täglichen Leben. Hier in Europa haben alle die gleichen Rechte, das war für mich eine völlig neue Erfahrung, die im krassen Kontrast zum Leben in Dubai und Syrien steht. Oh, aber einige der norwegischen Lebensmittel sind so ähnlich wie in Syrien. Milchreis zum Beispiel. Aber in Syrien kochen wir den mit Zucker und hier in Norwegen ohne.

Apropos Frauenrechte. Hast du von den Vorfällen in Köln zu Silvester gehört, und die daraus folgende europäische Debatte rund um Flüchtlinge als „Gefahr“ für Europa? Hat Norwegen darauf reagiert und – wie behandeln dich die Norweger eigentlich so im Alltag?

Die Menschen hier sind schon okay. Sie konzentrieren sich mehr auf sich, ihr Leben und ihre Karriere, als auf Fremde. Premierminister Erna Solberg hat über die Vorfälle in Köln gesprochen und die Bedingungen für Flüchtlinge wurden auch im Rahmen dessen seit Neujahr verschärft. Aber für mich ist zur Zeit alles noch relativ ruhig. Als ich von den Vorfällen gehört habe, war ich sehr sehr traurig. Alle Flüchtlinge werden nun für diese Fehler einzelner bestraft. Ich stimme Deutschland vollkommen zu, dass die Täter schnell aufgespürt werden müssen und besser geprüft werden sollte, wer wirklich auf der Flucht ist und Hilfe benötigt.

Wenn sie die Typen fassen, die das getan haben, sollten sie sie aus Europa ausweisen. Wenn ich in ein Land einreise und nach Schutz suche und freundlich aufgenommen werde, muss ich das Land und seine Gesetze auch respektieren. Die meisten Länder in Europa behandeln die Flüchtlinge besser, als es die arabischen Staaten selbst tun und sie unterstützen uns, wo sie nur können. Wenn diese Leute also die Bürger des Landes, in dem sie nun leben, nicht respektieren können, dann sollten sie vielleicht nicht in diesem Land leben. Wenn du in Europa leben willst, dann lern die Sprache des Landes in dem du bist und versuch, in Lohn und Brot zu kommen, um möglichst schnell der Gesellschaft etwas zurückzugeben.

Du hast einen offenen Brief an die Regierung geschrieben, um um bessere Gesundheitsversorgung und Möglichkeiten zur Integration zu bitten. Meinst du, dass Arbeit und eine gewisse persönliche Unabhängigkeit dazu beitragen werden, dass sich die Wogen zwischen aus Kriegsgebieten Eingewanderten und Europäern glätten?

Auf jeden Fall. Sobald die Menschen, sobald ich arbeiten kann, wird mir Norwegisch lernen natürlich auch leichter fallen und Norweger sind auch wirklich nette Menschen, die man gern kennenlernt. Meine norwegischen Freunde habe ich 2010 kennengelernt, als sie ein Auslandssemester in Syrien verbrachten und ich für sie übersetzte. Arbeiten bedeutet außerdem, wie jeder andere Europäer Steuern einzuzahlen und nicht mehr auf Kosten des Staates zu leben. Arbeit macht Menschen intelligent und stark und einen Job zu haben bedeutet, dass die Leute dich respektieren. Ich bin kein negativer Mensch und möchte auch nicht als schlecht oder lästig wahrgenommen werden.

Wenn ich den europäischen Regierungen etwas mitteilen könnte, dann das: Bitte, bitte, bitte. Liebe Regierende, ich weiß ihr tut euer Bestes, uns willkommen zu heißen in Europa, aber könnt ihr das bitte alles ein wenig beschleunigen? Wir sind doch nicht geflüchtet, um von euch abhängig zu sein. Wir wollen uns gern integrieren, arbeiten und euch beweisen, dass wir eine Bereicherung für Europa sein können!

Hast du eigentlich eine Meinung zu dem Rechtsruck in Europa, im Zuge dessen Länder wie Ungarn und Slowenien sich weigern, Kriegsflüchtlinge aufzunehmen?

Damit habe ich mich ehrlich gesagt wenig beschäftigt. Aber auf meiner Flucht durch Europa bin ich in viele Situationen geraten, in denen wir durch Sicherheitskräfte angeschrien wurden, sie versuchten uns zu schlagen und mit Gewalt zur Umkehr zu zwingen. Aber aktuell ist hier alles okay, ich versuche mich in das Land einzufinden, in dem ich nun lebe.

Sollte sich die Kriegssituation in Syrien beruhigen innerhalb der nächsten paar Jahre und der Daesh zurückgeschlagen werden, würdest du dann gern nach Syrien zurückkehren, oder lieber in Europa bleiben, studieren und arbeiten?

Vermutlich werde ich nie nach Syrien zurückkehren können, weil man mich dort in weiten Teilen des Landes ermorden würde. Ich habe mit Diplomaten und politischen Akteuren zusammengearbeitet, die heute ihrer Macht enthoben sind. Sollte es irgendwann gelingen, in Syrien eine Demokratie nach europäischem Vorbild zu errichten, denke ich jedoch, dass ich mir die Situation vor Ort ansehen würde und dann gegebenenfalls beim Wiederaufbau meines Landes helfen würde.

Danke für den kleinen Einblick in dein Leben in Norwegen. Gibt es sonst noch was, was du gern loswerden würdest?

Danke dir für das Gespräch. Außerdem möchte ich mich herzlich bei Jan Brock bedanken, der meine Flucht journalistisch begleitet hatte. Ich bin meinen norwegischen Freunden sehr dankbar, dass sie mich hier so toll unterstützen. Außerdem würde ich den Europäern gern versprechen, dass ich persönlich alles tun werde, was in meiner Macht liegt, um euch zu beweisen, dass ich ein guter Mensch bin. Mein persönliches Ziel ist es, die Landessprache so schnell wie möglich zu lernen, um genau das zu tun. Und ich denke, die meisten Flüchtlinge und Immigranten würden mir da zustimmen.

(Das Interview führte Samael Falkner, 14.01.2016)

Abdul mit Freunden
Abdul mit Freunden

Abduls offener Brief an die Landesregierung:

Sehr geehrte Sylvi Lishtaug,

Ich bin vor drei Monaten in Norwegen angekommen. An der Grenze wurden meine Fingerabdrücke genommen und meine Papiere geprüft. Alles war in Ordnung. Ich bekam als Ersatz meines Passes einen Flüchtlingsausweis ausgehändigt und dachte folglich, damit könne man irgendetwas anfangen. Aber ziemlich schnell wurde klar, dass der Ausweis nur der Registrierung in Udi dient und in Norwegen sonst nichts wert ist. Sie haben mir also meine Papiere abgenommen und einen ungültigen Ausweis ausgestellt, mit dem ich nicht einmal die Stadt verlassen darf.

Wissen Sie, ich habe mehrere Berufsausbildungen abgeschlossen und spreche sechs Sprachen fließend – und nun darf ich nicht arbeiten? Die norwegische Politik diskutierte vor Kurzem finanzielle Unterstützung für eingewanderte Flüchtlinge, aber zur Zeit lebe ich komplett auf Kosten meiner Freunde. Dabei möchte ich einfach nur meine Rechnungen selbst begleichen. Was bringt es Norwegen, wenn Flüchtlinge nur untätig herumsitzen dürfen, Schlafen, Essen und die Staatsgelder aufbrauchen?

Ich bin chronisch krank, aber einige der Behandlungen, die ich benötige, werden mir verwehrt, weil ich keine gültigen Papiere habe, nur den Flüchtlingsausweis. Darum darf ich nicht in die Krankenversicherung einzahlen und keine Kassenleistungen in Anspruch nehmen. Ich habe mich damit schon vor Wochen an die Behörden gewandt und keinerlei Antwort erhalten. Eigentlich wird mir gerade alles verwehrt, eine Schule darf ich auch nicht besuchen. Ich bin 25 Jahre alt, gut ausgebildet und alles was ich tun kann, ist warten.

Ich bin damals aus Syrien geflohen, weil ich noch nicht sterben wollte. Norwegen ist eines der führenden Länder der Welt in Sachen Menschenrechte, aber in letzter Zeit gestaltet es sich für mich schwierig, meine eigenen durchzusetzen. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin hier in Sicherheit vor dem Krieg und das weiß ich zu schätzen, aber Sie haben mir meine Papiere abgenommen und mir einen Schlafplatz zugewiesen. Ich darf nicht umziehen, ich darf nicht arbeiten, ich darf nicht studieren und ich kann dank der ungültigen Papiere nicht einmal eine Traumatherapie aufsuchen, die ich dringend benötige. Zu den grundlegenden Menschenrechten gehört es meiner Ansicht nach, gültige Papiere mit sich führen zu können, meine habe ich von der Behörde nie wiederbekommen.

In den letzten drei Monaten habe ich Norwegisch gelernt, denn das ist mir wichtig, das ist es was ich tun möchte, mich in die Gesellschaft integrieren und niemandem auf der Tasche zu liegen, auch nicht meinen Freunden, die sich um mich kümmern. Das Warten tut weder meiner Krankheit, noch meiner Psyche gut. Ich bin ein Mensch, ich bin krank, ich brauche Hilfe und vor allen Dingen möchte ich nicht mehr herumsitzen und darauf warten. Meine Freunde habe ich 2010 kennengelernt, als sie in Syrien studierten und ich ihnen vor Ort half zurechtzukommen. Aber nun ist die gegengeleistete Hilfe auch so langsam aufgebraucht und ich möchte einfach nur in der Lage sein, wieder selbst für mich zu sorgen.

Liebe Frau Lishtaug, Sie sind in Ihrer Position als Integrationsministerin und Beauftragte für meinen Wohnsitz für mich mitverantwortlich und ich bitte Sie inständig: Respektieren Sie meine Rechte und die der Flüchtlinge, die sich ebenso auf Sie verlassen und zur Zeit untätig in den Unterkünften sitzen und auf Entscheidungen warten.

Mit freundlichen Grüßen,
Abdul (Nachname bekannt)


Alle im Artikel verwendeten Bilder stammen aus dem Privatbesitz des Interviewten und dürfen nicht außerhalb des Artikels weiterverwendet werden.

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