Ein Buch des Anstoßes : Wenn nicht wir, wer dann?

Ich bin nun Teil einer Sekte. Zumindest suggerierten das Nachrichten, die ich in den letzten Tagen bekam, nachdem ich mich positiv über Philipp Ruchs neues Buch „Wenn nicht wir, wer dann?“ geäußert hatte. Was war geschehen?

Unwichtige Kleinigkeiten vorweg

Einige Tage zuvor war in der ZEIT ein Artikel zu eben jenem Buch erschienen. Der Autor hatte darin ein paar gewagte Thesen aufgestellt, wonach Philipp Ruch, besser bekannt als Gesicht des „Zentrums für politische Schönheit“ (nachstehend ZPS genannt) ein rechter Menschenfänger sei. Endlich würden auch diejenigen aufwachen, die die Performances und Aktionen des ZPS bisher für linke Aktionskunst gehalten hatten. Endlich würde die ganze Welt sehen, was er schon jahrelang predigte – der Sektierer und Rassist Ruch habe sich selbst entlarvt!

Nun. Vielleicht scheint Ihnen, da Sie das Buch noch nicht gelesen haben, diese Aussage überspitzt. Oder Sie mögen das ZPS nicht und fühlen sich seither bestätigt. Die zahlreichen Zuschriften an meine privaten Accounts jedenfalls waren sich sicher, dass diese Kritik zutreffend sei und ich einem Guru hörig bin, der mir Jahresbeiträge von bis zu 1.000 Euro (Eintausend!) aus der Tasche zieht. Ich höre meine Bank laut lachen. Das Gute an diesem Beitrag ist dagegen, dass der Wahrheitsgehalt dieser Unterstellungen uns an dieser Stelle gar nicht interessieren muss. (Obwohl ich für den Artikel natürlich gut bezahlt werde, eigentlich noch besser als von der Antifa, das Geld aber natürlich sofort an das ZPS zurückfließen lasse.) Eigentlich wollte ich mich nämlich mit dem Buch an sich befassen, das leider mit dem ZPS gar nichts zu tun hat. Aber womit dann?

Keine Angst, es ist nur Philosophie

Die Gesellschaft hat ein Problem mit der negativen Persönlichkeitsbildung. Das zumindest ist eine der Haupttheorien dieses Manifests. Anhand mehr oder weniger bekannter Argumentationen von Locke bis Freud, schlüsselt Philipp Ruch auf, dass eine Gesellschaft die sich individualisiert denkt, nicht sozial interagieren kann. Er sieht das Problem vor allem in der Zentrierung auf schlechten Eigenschaften, die vorausgesetzt werden bei der Betrachtung des Mitmenschen. Damit einher geht der Verlust der Empathie, am Ende steht eine Gesellschaft, in der nur das Individuum existiert, keine Gemeinschaft mehr vorhanden ist.

Ein Anliegen des Manifests ist es, eine grundlegende „Schönheit“ in der Gesellschaft zu verankern, eine Betonung des Denkens und Handelns auf positive Aspekte zu verlagern. Was nach einem esoterischen Konzept klingt, leitet sich als Gegenpunkt zur Betrachtung materieller Kräfte ab und basiert auf dem eigentlich klassischen Substanzdualismus. Allerdings holt Ruch die Thematik in ein modernes Heute mit modernen Problemen. Natürlich wird hier auch die Problematik rund um die Aufnahme und Unterbringung von Kriegsflüchtlingen aufgegriffen. Aber viel mehr als eine auf selbstständiger Moral basierende Gesellschaft, wünscht sich Ruch eben eine „schöne“ Politik.

Mündige Reflektiertheit, starker Aktionismus

„Schönheit“, dieses Wort strapaziert Philipp Ruch nicht nur im vorliegenden Manifest. Bereits das „Zentrum für politische Schönheit“ trägt sie ja bereits im Namen. Ich glaube allerdings, es geht weniger um das Wort, denn um den Rahmen der positiven Formulierung. Denn die Kritik an einer als schlecht verstandenen Zeit mit negativen Bildern und hoffnungsloser Inaktivität des Einzelnen, hervorgerufen unter anderem von einem Naturalismus, der sich langsam in das Denken eingeschlichen hat. Das Manifest plädiert für eine Loslösung von wissenschaftlichem Denken im Alltag. Wer sich selbst als einen unveränderlichen mechanischen Körper betrachtet, so die Theorie, kann anderen Menschen keine Bedeutung beimessen, die über ihre einzelnen Bestandteile hinausgeht.

Neu ist diese Sicht freilich nicht. Fairerweise ist es allerdings auch ausreichend schwierig, in der Philosophie ein komplett neues Gebiet zu erschließen. Aus einer Mischung von Dualismus, Realitätskonzepten, aufklärerischen Ansichten und mit einem Schuss dessen, was er selbst als radikalen Humanismus bezeichnet, fordert Ruch jedoch ausreichend eindrücklich zu einer Umkehr der Gesellschaft zum „Warum“ abseits der Fakten auf. Er fordert einen individuellen philosophischen Diskurs, der nicht missioniert und eine Reflektiertheit, die jeder für sich selbst ergründen muss. Selbstbestimmtes Denken, positives Nachdenken, Handeln und Berichten.

Was dieses Buch nicht leisten kann

Wer sich das Buch zulegt, um eine Lösung für die Fragen rund um die Integration von Flüchtlingen, den deutschen Waffenhandel oder die europäische Politik zu finden, wird gegebenenfalls nach dem zweiten Vorwort (Ja.) geistig aussteigen. Was das Buch ebenfalls nicht tut ist, in irgendeiner Weise die Aktionen des ZPS näher zu besprechen oder gar zu rechtfertigen. Jeder, der in diversen Zeitungen darüber berichtet hat, es würde dies tun, oder sich mit der Person Ruch beschäftigen, hat maximal die ersten fünf Seiten gelesen und Sie dürfen ihn dafür auslachen. Auch der Verweis, das Buch würde mit intellektuellen Plattitüden aufwarten, ist unter uns gesagt, ein Griff ins Klo gewesen. Die passende Besprechung dürfen Sie gern selbst ergooglen.

Das Buch ist weniger das, was es gern wäre. Es ist nur ansatzweise ein Manifest, nur teilweise politisch und auch wenig praxisbezogen. Es setzt voraus, dass der Leser sich irgendwann schon einmal auf das Gedankenlevel begeben und hinterfragt hat. Ich würde dem Buch die Leser wünschen, die es gern hätte, zweifle jedoch stark, dass es seine Zielgruppe erreicht. Das liegt zum einen daran, dass der Verlag beschlossen hat einen „ZPS“-Sticker auf das Cover zu klatschen, zum anderen am Klappentext, der darauf schließen lässt, dass es in diesem Buch um Flüchtlinge gehen wird. Sollten Sie das Buch also am Bahnhof auf einem Büchertisch zwischen Ulfkotte, Sarrazin und den Memoiren irgendeines Kanzlers finden, retten Sie es bitte.

Philipp Ruch und das Zentrum für politische Schönheit

Wenn nicht wir wer dann von Philipp RuchDas Zentrum, welches durch den oben angesprochenen Artikel liebevoll als Sekte bezeichnet wurde, ist nur eines der Betätigungsfelder Philipp Ruchs. 1981 geboren, in Dresden und der Schweiz aufgewachsen, studierte Philipp Ruch Politische Philosophie und Ideengeschichte, war an der Herausgabe mehrerer Bücher zu gesellschafts- philosophischen Themen beteiligt und ist seit einigen Jahren als Leiter des ZPS und Regisseur bei verschiedenen Produktionen tätig.

In den Medien wurden die politischen Aktionen des ZPS immer wieder kontrovers verteufelt diskutiert. Der aktuellen Krise rund um das Zusammenleben und die Inakzeptanz von Flüchtlingen, war das ZPS in seinen Überlegungen dabei stets weit voraus. Konzepte zu einem freieren Umgang mit den europäischen Grenze beinhalteten zum Beispiel das Errichten einer Brücke von Nordamerika nach Europa (siehe Titelbild) oder rettende Inseln im Mittelmeer. Im Juni 2015 beerdigte das ZPS durch Crowdfunding finanziert ertrunkene Flüchtlinge in Berlin.


Philipp Ruch
Wenn nicht wir, wer dann?
Ludwig-Verlag, 2015

HIER das Buch ansehen
(und hier ein Link für besorgte Amazonkritiker)

Stattdessen mir Weihnachtsgeschenke kaufen kann der geneigte Leser übrigens unter dem „Unterstützen“-Punkt im Menü. 

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