Trakl : 101 Jahre später

Heute jährt sich zum 101ten Mal der Todestag des österreichischen Dichters Georg Trakl. Doch der 03. November 2015 ist für mich ein besonderes Datum. Es ist das Jahr, in dem ich selbst in dem Alter bin, in dem Trakl verstarb. Eine moralische Spurensuche zur Bedeutung.

Georg Trakl war ein Kind seiner Zeit und seine Zeit war eine, in der auch im deutschsprachigen Raum der Krieg wütete. Der Erste Weltkrieg stellte die Weichen für das Trauma einer ganzen Generation. Wie der Krieg Deutschland und Österreich verändern sollte und dass wenige Jahrzehnte später mit dem Zweiten Weltkrieg noch schlimmere Geschehnisse folgen würden, das erlebte der junge Georg nicht mehr. Er starb im November 1914 nach zahlreichen Selbsttötungsversuchen. Auslöser war neben seiner Suchtanfälligkeit, gestützt durch ein graues, teils trostloses Leben unter kalten Menschen, das Trauma, das er erlitt, als man ihn im Alter von 27 Jahren als Notarzt im Feld einsetzte. Allein gelassen mit hundert Schwerverwundeten direkt vor der Kampflinie, war Trakl überfordert und desertierte. Er starb an einer Überdosis Kokain in einem Spital, in das er nach einem seiner Suizidversuche eingewiesen worden war. Aber die letzten Monate dürften ohnehin keine lebenswerten mehr gewesen sein.

Georg TraklGeorg Trakl stammte aus einer bürgerlichen Familie. Der Vater Eisenhändler, Nationalist, militärisch streng aber ein herzensguter Mensch, der die Familie um Georg, seine Schwester und die vier Geschwister, die später nicht in die Geschichte eingehen würden, zusammenhielt. Ein Mann, der tagsüber gewissenhaft seiner Arbeit nachging und abends einfach nur ein gutes Glas Wein und ein wenig Ruhe wollte. Die Mutter Hausfrau, tief in einer psychischen Krankheit versunken. Je größer die Familie wurde, desto unglücklicher wurde die Mutter. Als Georg noch ein Kind war, sah er seine Mutter bereits immer seltener. Sie verbrachte ihr Leben in einigen Räumen des Hauses, in denen sie Porzellanfiguren und Tand ansammelte und pflegte. Kindermädchen ersetzen sie im Alltag, kümmern sich um die Kinder und den Haushalt. In einer Episode seiner Kindheit nimmt seine Mutter den jungen Georg an die Hand und beide machen einen Ausflug in die Stadt. Durch die Altstadt geht es zum Friedhof und über den Friedhof zu einer Kapelle, in der gerade ein Verstorbener aufgebahrt wird. Das Bild wird Georg sein Leben lang begleiten, genau wie der Hass auf die Frau, der er neben der Geisteskrankheit auch stets Drogenmissbrauch unterstellte.

Und doch, oder gerade deswegen, entwickelt er sich bereits in Kindertagen immer weiter zu einem Abbild von ihr. Er ist gern unter Freunden, aber noch lieber trinkt er. Bereits mit 14 Jahren versucht er sich an frei verfügbaren Drogen, besonders Schlaf- und Beruhigungsmittel haben es ihm angetan. Mitschüler bringen den Jugendlichen mehrfach betrunken heim, schließlich versagt seine Leistungsfähigkeit und er besteht sein Abitur nicht. Dafür notiert er immer häufiger in Gedichten und kurzen Texten seine betrunkenen Gedanken. Er verbrennt immer wieder in einem Anfall von Perfektionismus seine Notizen und erst sein späterer Verleger und Freund Ludwig kann ihn überzeugen, die Lyrik für Literaturmagazine zur Verfügung zu stellen. Als Georg schließlich seinen Abschluss nachholt, tut er dies vor allem im Glauben, auf Kosten seiner Familie Pharmazeutik studieren zu können. Nicht uneigennützig mag man glauben, nutzt er doch mittlerweile alle Drogen, die der Markt in Salzburg um 1900 hergibt. Gerade hat er sich aufgerafft, diese Karriere voranzutreiben, da stirbt sein Vater. Die Geldquelle versiegt, Georg ist auf sich selbst gestellt. Unzählige Briefe an seine Freunde belegen, dass er sich immer wieder verzweifelt Geld borgt. Wiedersehen werden seine Freunde es nicht, aber sie wissen, dass er von seinen Veröffentlichungen nicht leben kann. Eine Gedichtsammlung erscheint zu Lebzeiten, sonst kann er nur für ein kleines Handgeld in Zeitungen veröffentlichen.

Demutsvoll beugt sich dem Schmerz der Geduldige
Tönend von Wohllaut und weichem Wahnsinn.
Siehe! es dämmert schon.

Georgs psychischer Zustand verschlechtert sich, immer mehr wird er wie die verhasste Mutter, immer isolierter. Er leidet unter schweren Depressionen, Angstzuständen, Panikattacken. Zeit in Gesellschaft verbringt er nur noch betrunken, Freunde versuchen ihm den Rücken zu stärken und versagen. Ein Urlaub in Venedig, damals ein Ziel zu dem man fuhr, wenn man gesellschaftlich gesehen werden wollte, aber die Stadt selbst nie sah, sondern an den Stränden lustwandelte, heitert ihn kurze Zeit auf. Er hasst die Stadt wie jede Stadt die er je besucht hat, außer seiner Heimatstadt Salzburg, über die er oft und gern sehnsuchtsvoll schreibt, es ist sein erster und einziger Aufenthalt außerhalb Österreichs. Aber er hasst das Leben ein kleines Stück weniger für ein paar Tage. Dann bricht der Erste Weltkrieg aus.

Der Krieg verändert alles. Nicht nur für Georg, sondern für eine ganze Generation damals junger Menschen. Er wird eingezogen wie alle anderen jungen Männer und seine begonnene Apothekenausbildung befähigt ihn zum Notfallsanitäter. Zumindest ist es das, was man von ihm erwartet, als man Trakl 1914 nach Krakau direkt an die Front schickt. In einem der ersten Einsätze kommt es zu der Situation, in der der 27-Jährige nur versagen kann. Georg flieht vom Ort des Geschehens und die kurze Euphorie die er in dem Jahr zuvor erlebt hat, ist verschwunden. In den nächsten Monaten versucht er immer wieder, sich das Leben zu nehmen. In einer Runde mit Freunden zieht er schließlich betrunken eine Pistole und will sich erschießen. Der verhinderte Versuch bringt ihn ins Spital. Freunde schreiben ihm regelmäßig. Irgendwann erhalten sie keine Antwort mehr, die Nachricht des Todes macht so langsam wie zu dieser Zeit üblich postalisch die Runde.

capture imageTrakl war damals fünf Monate älter als ich heute. Doch das Jahr stimmt. 27, das ist heute ein Alter, in dem man sich noch orientieren kann. Es gibt die karriereorientierten Jungen, die mit 16 ihr Abitur beenden, mit 19 das Studium und mit 25 Abteilungschef in einer großen Firma sind. Und es gibt Menschen, die sich mit 30 für ein Studium entscheiden, oder mit 45 eine völlig neue Karriere einschlagen. Wir können es uns erlauben, wir haben Chancen allesamt über 100 Jahre alt zu werden. Wenn der Jugendliche heute möchte, hat er mit dem Internet eine Möglichkeit an der Hand, seine ersten Gehversuche als Dichter und Autor öffentlich zu tun. Er kann seinen ersten Roman crowdfunden, kostenfrei eigenständig veröffentlichen, über Youtuber vermarkten, die oft mit 18 bereits besser verdienen als ein regulärer Arbeiter nach Jahrzehnten im Job. Und selbst wer nicht arbeitet, steht nie unter dem großen finanziellen Druck, der ihn zwangsläufig in die Verzweiflung treibt, mit oder ohne Krankheiten. Wir haben einen großen Vorteil, den Trakl damals nicht hatte. Neben der Entwicklung der Technik und des Internets hatte unsere Generation nie Krieg.

Georg Trakls Geschichte liest sich wie der Anfang eines neuen Jahrhunderts. Sie markiert den Übergang in das gewalttätige und gewaltige 20te Jahrhundert, das für Mitteleuropa viel ändern sollte. Natürlich hatte es in jedem Jahrhundert zuvor Bürgerkriege gegeben, aber wer die Weltkriege miterlebte, oder später darunter litt, dass seine Eltern im Krieg traumatisiert worden waren, der blickte in die tiefsten Abgründe des Krieges. Und egal was Georg zuvor getan hätte, ob er sich aufgerafft und seine Drogen losgeworden wäre, ob er vermehrt Prosa geschrieben oder mehr Zeit bei seiner Mutter verbracht hätte. Nichts hätte etwas daran geändert, dass er die Wochen an der Front nicht überwinden konnte. Die Parallelwelt in die er sich seit seiner Kindheit geflüchtet hatte, brach angesichts der Realität zusammen.

Trakl hat ein überschaubares Werk hinterlassen. In ein etwas dickeres Taschenbuch passen alle Gedichte, die wenigen übergebliebenen kurzen Prosatexte und die Revisionen. Selbst die Briefe an Freunde und Familie nehmen mehr Platz im Bücherregal ein. Dennoch gilt Trakl vielen als einer der wichtigsten Vertreter deutschsprachiger Literatur überhaupt. Einige können sein Gesamtwerk rezitieren, andere wie ich halten zahllose Referate im Rahmen von Lehrveranstaltungen, immer und immer wieder, um sich diesem Lebenslauf anzunähern. Und stets habe ich ein wenig ängstlich auf den heutigen Tag hingearbeitet, den Tag an dem ich über Trakls letzte Tage hinaus lebe und mich fragen muss, was sich in 100 Jahren geändert hat. Zusammenfassend lässt sich sagen – nicht viel. Die Menschen sind die gleichen geblieben. In jedem schriftlichen Dokument seit Entstehung der ersten Zivilisationen finden sich die gleichen Menschen mit den gleichen Gedanken, Gefühlen und Problemen wieder. Würde Georg heute leben, würde er in einer psychiatrischen Pflegeeinrichtung sterben, an die Drogen gelangen würde er trotzdem. Er hätte in der „DAS GEDICHT“ oder „manuskripte“ veröffentlicht und dafür noch weniger Geld erhalten. Er hätte mit Ludwig geskypet statt ihm einen Strom von Briefen zu schreiben. Aber sein Leben wäre nicht gravierend anders verlaufen. Bis auf den Krieg.

Menschheit vor Feuerschlünden aufgestellt,
Ein Trommelwirbel, dunkler Krieger Stirnen,
Schritte durch Blutnebel; schwarzes Eisen schellt,
Verzweiflung, Nacht in traurigen Gehirnen:
Hier Evas Schatten, Jagd und rotes Geld.

Und dann sehen wir Tausende am Tag aus Kriegsgebieten ankommen. Wir sehen in den Medien Bilder von Wasserleichen vor Griechenland und lesen von Menschen, die einen schweren Schock erleiden wenn die Nationalisten unserer Zeit eine Flasche gegen das Fenster ihres temporären Zuhauses werfen. Vielleicht müssen wir uns die heutigen Flüchtlinge vorstellen wie die traumatisierten Menschen rund um die Weltkriege. Menschen, die auf Jahrzehnte nie wieder wirklich glücklich werden, Kinder die mit den Bildern von Toten in den Straßen aufwachsen und sich noch Jahrzehnte später immer wieder an den Moment zurückerinnern, da sie den ersten Toten gesehen haben. Wir können ihn außerdem als einen der Depressiven betrachten, die von der Gesellschaft erst nach dem ersten Suizidversuch in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, da all die kleinen Versuche auf der eigenen Couch als Spiel mit dem Mitleid anderer gelten.

Georg Trakls Leben ist ein Sinnbild unserer Zeit, ob es uns gefällt oder nicht. Und die Beschäftigung mit seinem Leben und Sterben, aber auch mit seinem literarischen Werk, birgt das Potential, einige Dinge über sich selbst zu lernen. Bestätigt sehe ich dies durch den Umstand, dass ich noch nie einen Menschen getroffen habe, der das erste Mal von Trakl hörte und nicht später auf mich zukam und mich fragte, was man denn da am besten lese und welche Biografie sich am besten eigne, um erst einmal einen kleinen wenige hundert Seiten langen Einblick zu erhalten. Gerade die Durchschnittlichkeit ist es, in der sich auch 101 Jahre später junge Menschen zwischen 16 und 30 wiederfinden. Die Familie, die nur nach außen hin perfekt ist, die gesuchte Einsamkeit und die gefundene Dramatik. Und so wird auch noch in 50 Jahren irgendwo ein Mensch nach 27 Jahren seines Lebens wachliegen und sein eigenes Leben mit diesem Schicksal aufwiegen. Die Schlüsse gehören ihm allein.


Alle im Artikel verwendeten Bilder gehören zur Sammlung der Trakl-Gedenkstätte in Salzburg.

Gedichtauszug 1: Georg Trakl – In ein altes Stammbuch
Gedichtauszug 2: Georg Trakl – Menschheit

Empfohlene Erstlektüre :
Gunnar Decker : Georg Trakl (Bebilderte Kurzbiografie)
Georg Trakl – Das dichterische Werk / Dtv

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