Die Kleinstadt am Rande der Wüste

Das Klischee Syriens vor dem Krieg als rückständiger Wüstenstaat, aus dem Terrorismus und Mittelalter nach Deutschland einwandern, ist falsch und gefährlich. Aber wie entstehen diese Bilder der Kleinstadt am Rande der Wüste, des Zeltlagers in dem Kamele blöken und Dünen wandern? Der Versuch einer Erklärung in Bildern.

Es gibt ein Problem mit Fotos von Städten und Landschaften in Kriegsgebieten. Seien es in der Vergangenheit der Irak oder Afghanistan gewesen, aber auch die Ukraine vor Ausbruch des Bürgerkrieges, sie alle haben etwas gemeinsam. Die Fotos, die in unseren Nachrichten auftauchen, Ruinen zeigen, Leichen, zerstörte Straßen und explodierende Fahrzeuge, sie alle stellen – einige Jahre nach Ausbruch eines Konfliktes – ein völlig anderes Land dar, als sich zuvor an Stelle der ausgebombten Landschaft befand.

Und hier findet sich Nährboden für Ressentiments durch Menschen, die in ihrem Leben wenig gereist sind, sich wenig mit anderen Ländern als ihrem eigenen beschäftigt haben, vielleicht selbst aus ihrer Geburtsstadt nicht allzu oft herauskommen. Sie kennen die arabischen Staaten, den „Nahen Osten“ und Nordafrika nur aus diesen Bildern und durch ihre Fantasie. Der „besorgte Bürger“ hat gegebenenfalls erst durch die Berichtslage über Flüchtlinge und Kriegshandlungen erfahren, wo Syrien liegt. Bestenfalls im „Arabischen Frühling“ hat er einige Bilder von Demonstrationen gesehen. Mehr kennt er nicht. Das und das Klischee, das er von arabischen Ländern mit sich spazieren führt. Es gehört sich nicht, fremdenfeindliche Klischees zu wiederholen, aber zusammengefasst kann man aus Kommentaren und Unterhaltungen den Eindruck gewinnen, für ihn liegen die arabischsprachigen Gebiete in einem Kessel, in dem durch einen Riss in Zeit und Raum die Hollywoodromantik des „Lawrence von Arabien“ herrscht. Irgendwo zwischen osmanischem Reich und den ägyptischen Badeorten siedelt er gedanklich die Zivilisation an, die für ihn keine ist.

Der „besorgte Bürger“ erwartet den Zustrom von Menschen, die in Zelten oder malerisch unhygienischen Lehmhütten gelebt haben, kein fließend Wasser und Strom kennen, denen man erklären muss wie öffentliches Leben funktioniert. Was sich dieser Mensch nicht vorstellen kann, ist die moderne Großstadt außerhalb der deutschen Grenzen. Er kann sich nicht vorstellen, dass Syrien vor Beginn des Krieges ein aufstrebendes Land war, in dem zurecht die jüngeren Generationen für die Moderne eintraten, einer der Faktoren, die überhaupt erst zu dem Krieg durch den konservativen Assad führten. Sie wollen sich das alte Syrien, wie es nie wieder sein wird, nicht vorstellen und alles was sie heute davon sehen, sind zerbombte Ruinen zwischen Schutt und Asche, Dreck und Rauch und Sand.

Aktuell macht das folgende Video die Runde im Netz. Es zeigt eine Kamerafahrt über Jobar, einen Stadtteil der ehemals lebhaften Großstadt Damaskus. Jobar ist kein Außenbezirk, sondern recht nah am historischen Stadtkern gelegen. Ein Leben dürfte in dieser Kriegszone nicht mehr möglich sein.

klick zum video
(Klick aufs Bild führt zum Video)

Dem entgegenstellen möchte ich eine Sammlung von Fotos des alten Damaskus, des Damaskus wie es vor etwa fünf Jahren aussah, als der Konflikt ausbrach, der erst zum Bürgerkrieg wurde und in dem nun internationale Kräfte mitbomben und gleichzeitig gegen Assads Truppen, die verschiedenen Rebellengruppen und den mittelalterlichen Islamischen Staat kämpfen, der versucht, sich die Reste der bestehenden syrischen Städte anzueignen, in denen vorher Millionen Menschen gut gelebt haben.

Diese Fotos zeigen ein modernes Damaskus, eine Stadt, in der auch der Europäer sich jederzeit wohlgefühlt hätte. Eine Stadt mit Rushhour-Staus, Fußgängerzonen, Bürogebäuden und der bei Touristen damals beliebten Altstadt. Eine Stadt jenseits des Klischees, die der „besorgte Bürger“ sich nicht vorstellen kann. Es sind keine Fotos von Sehenswürdigkeiten, durch tausend Filter gejagt, sondern Alltagsbilder von Besuchern und Bewohnern. Alle Fotos sind unter CC-Lizenz verschiedenen Fotografen auf Flickr entliehen. Die Credits zu den Bildern finden sich unter jedem Foto, ein Klick auf die Fotos bringt euch zur Quelle.

Dezember 2010, Damaskus, Foto: Varun Shiv Kapur
Dezember 2010, Damaskus, Foto: Varun Shiv Kapur
September 2008, Damaskus, Foto: Sean Long
September 2008, Damaskus, Foto: Sean Long
März 2010, Damaskus, Foto: Radikale Venstre
März 2010, Damaskus, Foto: Radikale Venstre
Juli 2008, Damaskus, Foto: Ben Freeman
Juli 2008, Damaskus, Foto: Ben Freeman
März 2009, Damaskus, Foto: Johannes Zielcke
März 2009, Damaskus, Foto: Johannes Zielcke
Dezember 2010, Damaskus, Foto: Varun Shiv Kapur
Dezember 2010, Damaskus, Foto: Varun Shiv Kapur
März 2008, Damaskus, Foto: Rafael Medina
März 2008, Damaskus, Foto: Rafael Medina
Juli 2008, Damaskus, Foto: Ben Freeman
Juli 2008, Damaskus, Foto: Ben Freeman
März 2010, Damaskus, Foto: Radikale Venstre
März 2010, Damaskus, Foto: Radikale Venstre

Zum Glück, so lässt sich abschließend sagen, sehen noch längst nicht alle Teile Syriens so aus, wie es das russische Video für Jobar zeigt. Auch in einigen Teilen von Damaskus ist noch ein Alltag möglich, der nicht von Luftangriffen und Gefechten geprägt ist. In anderen Städten des Landes ist ein Leben oder Überleben ausgeschlossen. In jedem Fall wurde Syrien, wie auch schon der Irak zuvor, bereits jetzt so großflächig zerstört, dass es, wenn der Konflikt irgendwann beendet sein sollte, Jahrzehnte dauern wird, etwas zu schaffen, das an den modernen Staat, der sich versuchte, radikal zu modernisieren und immer weiter an den Lebensstandard der westlichen Länder anzugleichen und dafür mit Krieg bezahlte, herankommt.


Titelfoto: Combier postcard. 1931 „Collection Artistique, L’Afrique. #1099 – Musicien“ / simpleinsomnia via Flickr

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