Hyperstition!

Zeit ist relativ und begrenzt. Genau wie dieser Film, der sich in sich selbst bereits überholt und vergisst, im positivsten Sinne. Als „Hyperstition“ in Berlin als Sneak preview im Rahmen der ABC Kunstmesse läuft , zieht er einige hundert interessierte Zuschauer an. Im ‚Babylon‘ läuft der Film dann schließlich an und lässt einen Teil der Gäste ratlos zurück. Was will „Hyperstition“? Ein Blick auf zwei Stunden Film mit ungefähr acht Stunden Inhalten.

Was ist Zeit. Dieser Frage widmen sich Philosophen, Linguisten und Künstler. Das Realitätskonzept wird theoretisch auseinandergenommen und neu zusammengesetzt. Betrachten wir die Zeit von dem Punkt, an dem sie endet, gestalten wir in der Zukunft die Gegenwart. Anders herum können wir nicht abschätzen, was als nächstes geschieht und können davon ausgehen, dass es zig Realitäten gibt, die parallel offen stehen und beschritten werden können. Wie betrachtet man dieses abstrakte Denkmodell, das sich Zeit nennt dann am besten?

In der Science Fiction und auch in der Philosophie ist man sich uneinig, darum kommen in „Hyperstition“ grundverschiedene Meinungen zu Wort, vorgetragen von bekannten und weniger bekannten Menschen, die sich damit auseinandergesetzt haben, in Kongressen, Meetings, als Installation und Skizze. Allen voran Akzelerationist Armen Avanessian, der den Film gemeinsam mit Regisseur und Künstler Christopher Roth produziert hat. Beide beschäftigen sich seit langem mit Zeit. In der 80*81-Reihe mit Georg Diez hat Roth bereits Utopien mitentwickelt und illustriert, der Avanessiansche Akzelerationismus dagegen nutzt Zeit als wichtiges Werkzeug der politischen Mitbestimmung. Aktive Beschleunigung als Gegenentwurf zur Beobachtung. Und so bleibt auch „Hyperstition“ theoretisch, auch wenn der Film sich an einigen Punkten in die Welt hinauswagt, um seine Theorie zu untermauern.

avanessian hyperstition

Nach dem Beschleunigungsprinzip verzichtet „Hyperstition“ auf langwierige Kommentare und baut stattdessen eine Collage aus möglichst vielen Standpunkten auf. Hier wird nicht diskutiert, sondern dargelegt und das so knapp wie möglich. Suhail Malik, Nick Srnicek, Helen Hester, Armen Avanessian und ein großer Teil der im Merve-Verlag veröffentlichten Autoren kommen zu Wort. Auch der prominent geliebt und gehasste Slavoj Žižek hat ein paar Worte zum Thema beizutragen. Sehr angenehm auch die Illustrationen von Andreas Töpfer, der weit über „Speculative Drawing“ hinaus einen Stil geschaffen hat, in dem er mit wenigen Strichen ganze Denkmuster erklären kann. Das tut er auch innerhalb des Films. Vermutlich könnte Töpfer alles illustrieren, auch den grauen Alltag.

hyperstition helen hester

„Hyperstition“ schont den Zuschauer jedoch nicht sonderlich und so mag es nur logisch erscheinen, dass jeder aus dem Film einen anderen Schluss mitnimmt, sich wahlweise auch überfordert fühlt, oder glaubt, er müsse eine ganze Literaturliste aufarbeiten, um die Thematik zu erfassen. Unterstrichen wird dieser Overload von Einblendungen der besprochenen – und nicht erwähnter – Begrifflichkeiten und Namen der Denker, die diese bearbeitet haben. Die Collage ist real und findet sich chaotisch zwischen den Schnitten wieder. Aber wer auf Beschleunigung setzt, muss eben auch einen Text lesen können, der mit dem gleichzeitig Erläuterten nur einen Schnittpunkt findet, alles auf einem Screen. Die Überspitzung des Second-Screen-Konzepts, welches hier keine Anwendung findet. Statt auf dem Handy einen Text mitzulesen, soll der Zuschauer dem Gehörten folgen und gleichzeitig den Text erfassen, unterbrochen von Animationen. Wer das nicht kann, muss den Film mehrmals schauen, ein Unterfangen, das sich dank begrenzter Vorführtermine schwierig gestalten dürfte.

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Dabei muss man ganz klar sagen, dass sich „Hyperstition“ an den Zuschauer richtet, der nicht monatlich Gesprächsrunden zum Thema besucht, das Merve Verlagsprogramm komplett gelesen hat und jeden der Teilnehmer persönlich kennt. Viel mehr versucht der Film den Spagat zwischen der trockenen spekulativen Theorie und der Massentauglichkeit des Denkens, dieser in Teilen aus der Mode gekommenen Sportart. Die Beschäftigung mit Zeit und Realität ist wie auch das Formulieren von (Science + Fiction) Theorien für gesellschaftliche Zukunft ein Projekt, das am Ende zu neuen Strukturen führen kann und für den Zuschauer ein vielleicht verstörender, aber nicht undankbarer Prozess. Und „Hyperstition“ schafft es, diesen Prozess voranzutreiben, über die Grenzen der Theorie hinaus.

Mitwirkende: Christopher Roth, Armen Avanessian, Elie Ayache, Ray Brassier, Iain Hamilton Grant, Helen Hester, Deneb Kozikoski, Robin Mackay, Steven Shaviro, Benedict Singleton, Nick Srnicek, Christopher Kulendran Thomas, Agatha Wara, Pete Wolfendale, Suhail Malik, Andreas Töpfer, Diann Bauer, Jake Messina Meginsky, Cosimo Barnet, Georg Diez u.a.

deneb kozikowski hyperstition

Termine kommen 2016.

Related: Armen Avanessian – Die ironische Metakritik


Für Stammleser und Fan Frank O.* versuche ich an dieser Stelle außerdem noch einmal eine Definition des Akzelerationismus:

„Die Grundannahme des Akzelerationismus ist, dass es im allgemeinen Diskurs eine unheilvolle Gleichung gibt, die leider auch die linke politische Theorie allzu oft teilt. Sie lautet: Kapitalismus = Moderne = Fortschritt = Beschleunigung. Wenn man diese Gleichung akzeptiert, gibt es keine andere Möglichkeit, Widerstand zu denken, als über irgendeine Form von Entschleunigung.

Doch das ist der falsche Weg. Der Klimakatastrophe etwa können wir nicht entgehen, indem ein paar westliche Wohlsituierte aufs Land ziehen und Karotten pflanzen. Wir können auch nicht in die fordistische Gesellschaft der Nachkriegszeit zurückgehen. Dieses Gesellschaftsmodell lässt sich nicht mehr wiedereinführen, und es steht auch zu bezweifeln, ob wir das ernsthaft wollen. Wir wissen ja, wie das erkauft war: mit Kolonialismus und patriarchalen Strukturen. Es gibt nur den Weg voran.“

WOZ

„Der Akzelerationismus positioniert sich vehement gegen den Neoliberalismus. Mit Verweis auf den Klimawandel konstatiert das Manifest eine „langfristige Krise des Kapitalismus“, die die Welt an den Rand einer Apokalypse manövriert habe.

Zu überwinden sei das System aber nur, indem man seine fortgeschrittensten Möglichkeiten ergreife und sie „beschleunigt“. Und nicht mit dem „transzedentalem Miserabilismus“ oder dem „neo-primitivistischem Lokalismus“ der traditionellen Linken.

Der Akzelerationismus hält es lieber mit Lenins Plädoyer für die „großkapitalistische Technik“. Das „Gebot des Plans“ will er dabei „mit der improvisierten Ordnung des Netzwerks“ versöhnen. Wie die Euphorie mit den Beschleunigungs-Befürwortern durchgeht, kann man an Armen Avanessian studieren. Der Berliner Literaturwissenschaftler, der das Manifest mit ein paar kritischen Beiträgen zu einem Reader zusammengebunden hat, beschwört einen „Zeitenwechsel“ und den „Willen zur Zukunft“.“

DRadio Kultur

„Doch auf was zielen die theoretischen Bemühungen der Akzelerationisten überhaupt ab? Die sich als spontan, divers und zukunftsorientiert verstehenden Beschleunigungstheoretiker setzen dem eigenen Anspruch nach dem in die Vergangenheit gerichteten Denken die Praxis des »cognitive mapping« (Avanessian/Mackay) entgegen. Gemeint ist die Vermessung einer kognitiven Karte des politischen Status quo mit den Mitteln der Wissenschaft, der Technologie und der Kunst. Ein solches »mapping« richtet sich gegen einen ebenso unklaren wie unanalytisch gefassten Begriff vom Kapitalismus. Dagegen mag man generell wenig einwenden, begreift sich der Akzelerationismus doch als ein theoretisches Korrektiv, welches sich dem unpolitischen und auf Begriffsdefinitionen hin ausgerichteten Fetisch des wissenschaftlichen Betriebes entgegenstellt.“

Jungle World

Dafür nich‘, Frank*.

* Echter Name der Redaktion bekannt.

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