Wake me up when September ends : Flüchtlinge Willkommen! – und danach?

Deutschland hat das Ehrenamt und die Spende für sich entdeckt. Was bisher wohlhabenden Gutverdienern vorbehalten war, die sich über Rotary und Spendengalas für einen guten Zweck einsetzen und dabei noch eben das neue Sommerkleid auftragen und geschäftliche Kontakte knüpfen konnten, ist nun Alltag. Nach der Arbeit noch eben mit den Freunden in die Flüchtlingsunterkunft nebenan, ein paar Nahrungsvorräte sortieren, why not? In einem TV-Interview sagt eine Helferin, sie habe nun endgültig die letzte Reserve aussortiert, der Haushalt ihrer Familie habe nun nicht mal mehr eine doppelte Decke oder zweite Winterjacke im Schrank. Nun denke man darüber nach, ob von der Familienwohnung nicht noch ein Zimmer an einen Flüchtling vermietet werden könnte. Anderswo liest man, dass Menschen gern ein verwaistes syrisches Flüchtlingskind aufnehmen würden. Alle sind begeistert. «Endlich mein eigener Flüchtling!» scheint das Motto der Stunde.

Helfen ist super. Ich habe auch wahnsinnig gern in Jobs für die Malteser gearbeitet bis Ende letzten Jahres. Zwar habe ich mich «nur» um deutsche Hilfsbedürftige gekümmert, aber ich mochte den Job. Gut, menschlich bekam man nichts zurück außer einer angeschlagenen Gesundheit und in der letzten Schule, in der ich als Einzelbetreuer arbeitete, unterstellten mir Eltern, ich würde ihr sechsjähriges Kind schlecht beeinflussen, weil ich es zur selbstständigen Arbeit anhielt, aber sonst. Und eben weil man nichts zurückbekommt, außer dass sich einer der Geflüchteten für die überreichte Wasserflasche bedankt, muss man sich seine Erfolgserlebnisse selbst generieren. Beliebtes Mittel sind möglichst viele Fotos davon, wie man hilft. Fotos vom Kleidersortieren, aber auch von der Kiste mit Spenden, die man privat zur Unterkunft bringt. Und einige gehen noch ein Stück weiter und schießen Fotos mit «ihrem» Flüchtling.

10 Tonnen Sachspenden haben die Leipziger in der letzten Woche gespendet, so viel, dass die Spendenstelle schließen musste, um nun zwei Wochen lang die Spenden zu sortieren. 10 Tonnen Spenden, das meiste davon Kleiderspenden, für ein paar hundert Menschen. Das ist lobenswert, das ist edelmütig, das ist vor allem undurchdacht. Neben dem Feel-good-Faktor der Hilfe, bröckelt hier nämlich auch ein Stück Realität weg. Es bleibt nicht bei einigen hundert Geflüchteten. Wir empfangen gerade die erste wirklich große Flüchtlingswelle.

25 Millionen Einwohner zählte Syrien im ersten Teil des Krieges, der nun schon seit über vier Jahren andauert. Ein Fünftel davon, schätzt man, hat das Land bereits verlassen. Deutschland nimmt trotzdem an, es werden maximal 1 Million davon hier ankommen. Wenn da also in den ersten drei Wochen für 200 Geflüchtete in Leipzig 10 Tonnen Kleidung aussortiert werden und der ein oder andere sein gesamtes doppeltes Hab und Gut hergibt, dann ist das schlicht dumm. Dabei nenne ich ausdrücklich nicht den Willen zur Hilfe dumm, aber kurzsichtig. Diese Krise wird nicht mehr abebben, viel eher müssen wir Strukturen finden, in den nächsten Jahren kontinuierlich zu helfen.

Was Deutschland (und Österreich) gerade erlebt, ist keine kurze Katastrophe wie die Überschwemmungen in Sachsen, die alle paar Jahre ein Dorf wegschwemmen, keine Katastrophe zu der man ein Wochenende lang fährt um zu helfen und damit wirklich etwas bewirkt. Hier wird jahrelange Hilfe gefragt sein. Wer jetzt hilft, wird eben nicht im Oktober nach Feierabend wieder seinen Hobbies nachgehen können, wenn es ihm mit der Hilfe ernst ist. Vielleicht wird sein Einsatz noch nächsten September gefragt sein. Vielleicht braucht es auch in drei Jahren noch Sachspenden. Vielleicht wird ein großer Teil der europäischen Bevölkerung sich entscheiden müssen, Flüchtlingen nicht nur eine Couch anzubieten, sondern mit ihnen zu leben. Vielleicht kommen wir an den Punkt, an dem es normal wird, in jedem Mietshaus auch zehn ehemalige Geflüchtete leben zu haben. Hoffentlich wird sich eine Balance finden, aus der alle einen Nutzen ziehen.

Denn ein weiterer Faktor spielt in diese Problematik hinein. Wer Spaghettiträgertops und Miniröcke in die Kleidersammlung für Geflüchtete aus Syrien packt und in Camps und Unterkünften Hackfleischklöße ausgibt, hat einen wichtigen Fakt verdrängt. In Deutschland ist es noch längst nicht normal, als Muslim seine Religion auszuleben. Kopftücher sorgen auf der Straße noch immer für Blicke und Getuschel. Frauen, die ihr Kopftuch tragen, müssen ihre Anstellung im öffentlichen Dienst gerichtlich durchsetzen, wenn eine Schule ein Essensmenü für muslimische Schüler einführen möchte, gehen besorgte Eltern auf die Straße. Und in dieses Land wandern nun bis zu 500.000 Muslime ein, für das Erste. Und zuerst einmal vertrauen diese Menschen nun darauf, dass man ihre Religion genau so Willkommen heißt, wie sie selbst. Und Willkommen heißen wir sie gerade mit Klatschkonzerten am Münchener Hauptbahnhof.

Jeder der Flüchtlinge ist in erster Linie der Mensch, der er vor dem Krieg in Syrien war. Er bringt seine Bildung, seine Religion und seine Lebensweise mit. Hier darf nicht der Eindruck entstehen, «der Flüchtling» (vgl. „Flüchtlingsmädchen Reem“, „toter Flüchtling“ usw.) sei eine neue schützenswerte homogene Art, um die wir uns standardisiert kümmern können. Vielleicht möchte nicht jeder Geflüchtete von den Helfern zum Abendessen bei ihnen daheim eingeladen werden, vielleicht möchte nicht jedes Kind einen Plüschbär, vielleicht möchte nicht jeder, dem ein Deutschkurs angeboten wird, diesen auch besuchen. Und ganz bestimmt möchte keiner der Flüchtlinge als neues Hobby für die Mittelschicht herhalten.

Kurzum: Das Engagement darf sich nicht auf Sach- und Kleiderspenden beschränken. Nach der Erstversorgung müssen die Geflüchteten zuerst einmal würdige Unterkünfte finden. Fünfhundert fremde Menschen in eine Turnhalle zu zwängen wird zwangsläufig zu psychischen Problemen führen, zu Stress, Gereiztheit und Auseinandersetzungen. (Stellen Sie sich für einen Moment vor, Sie müssten mit den Menschen, mit denen Sie sich morgens in die Bahn drängen um zur Arbeit zu kommen, ab sofort ein halbes Jahr lang in einem Raum leben, ohne Beschäftigung, ohne ordentliche Versorgung. Und der Typ, von denen Sie schon in der Bahn nicht angeatmet werden wollen, schläft nun zwanzig Zentimeter entfernt von Ihnen auf einer Pritsche und atmet Sie die ganze Nacht an. Nur weil er in der gleichen Bahn stand, als Sie morgens zur Arbeit wollten.) Nachdem die Fragen der Unterkunft geklärt sind, muss den Geflüchteten ein Angebot an Kursen und Arbeit unterbreitet werden. Nicht jeder Geflüchtete möchte studieren, nicht jeder Handwerker werden. Nach einer kurzen Ruheperiode in der die Menschen ihr Leben wieder ordnen können und sich in den deutschen Alltag einleben, können dann Angebote von Seiten der Bevölkerung gemacht werden – mit der Betonung auf freiwillige Optionen.

Nur wenn wir uns jetzt schon darauf einstellen, dass wir vermutlich in fünf bis zehn Jahren mit 2 Millionen neuer Mitbewohner das Land teilen, angstfrei und vorurteilsfrei, die trotz der «tollen, überlegenen deutschen Werte» ihre eigene Kultur und Religion behalten wollen und trotzdem gute Kollegen, Kunden, Freunde und Familienmitglieder sein werden, kann uns der Spagat in der Krise gelingen. Durch Selbstdarstellung und einem erfüllten Spenden-Feierabend mit Flüchtlingsselfies richten wir euphorisch einen Schaden an, der uns erst bewusst wird, wenn die Hilfswelle versiegt.


Titelfoto: photog_at via Flickr unter CC-Lizenz

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3 Gedanken zu “Wake me up when September ends : Flüchtlinge Willkommen! – und danach?

  1. Hm, ich gehöre ja zu denen, die in der zentralen Spendenannahme sortieren. Und die jetzt erst mal geschlossen werden musste, um zu sortieren. Ich gebe Ihnen ja in allen Punkten Recht, andererseits sollte man die enorme aktuelle Spendenbereitschaft doch nutzen, um sozusagen „Vorräte“ anzulegen. Für später, wenn das Wochenende der Euphorie vorbei ist. Ich bin auch gespannt, wie viele Freiwillige noch im Oktober da sein werden, denn Spenden sortieren, das ist nun was, wo man keine Selfies machen kann. Übrigens, eine der Damen, die dort täglich war, kam sich heute verabschieden, fängt als Betreuerin in der Ernst- Grube-Halle an. Es gibt also durchaus Menschen, die gewillt sind, durchzuhalten. Aber wie ich eingangs sagte, im Prinzip gebe ich Ihnen Recht. Warten wir ab, wie sich die Dinge entwickeln, vor allem dann, wenn die ersten Probleme auftauchen

    1. Danke für’s Feedback.

      Ja, zum Glück gibt es die, die schon immer gern helfen und oft seit Jahrzehnten ehrenamtlich engagiert sind. Und nicht nur im Flüchtlingshilfe-Bereich, ich denke da auch an Menschen, die ihr ganzes Leben lang bis zur Rente nach der Arbeit noch bei der freiwilligen Feuerwehr helfen usw. Ohne diese Menschen würden viele Bereiche deutlich schlechter funktionieren, als sie es tun.

      Warten wir mal ab. Ich hätte gern Unrecht und würde ein Umdenken quer durch die Gesellschaft sehen. Aber ich erwarte es nicht.

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