Griechenland liegt nicht in Nordafrika

Das Mitleid der Deutschen Leitmedien hält sich in Grenzen. Der Grieche ansich, liest man, habe an der Misere selbst Schuld. Der griechische Rentner, den gäbe es so nicht, das sei Propaganda der Kommunisten. Ja, wir sprechen hierzulande wieder von Kommunisten. Die Syriza, so links wie sonst nix, sei ein übler Pokerspieler und Alexis Tsipras eine willenlose Marionette. Jemand behauptete sogar, dessen Frau sei eine Art wirtschaftliche Hexe.

Hier sind wir also angekommen. Bei den Kommunisten, gesteuert durch eine Hexe, die alte Leute zur Propaganda vorschieben. Nun haben die griechischen Banken jedoch ihre Drohung wahrgemacht. Nur noch 60 Euro am Tag dürfen die Griechen abheben, ihre Paypal-Accounts wurden ihnen übrigens auch stillgelegt. Ich weiß nicht, wann Sie das letzte Mal Einkaufen waren, aber wenn Sie vielleicht zu dem Einkauf noch ein paar Mülltüten, ein Glas Leitungswasser, ein Dach über’m Kopf und Ihre Blutdruckmedikamente dazunehmen, sind 1.800 Euro im Monat keine Summe, von der Sie als Familie oder auch nur Mutter mit Kind lange leben möchten. Und selbst wenn Sie das gern würden, hat Griechenland eine Arbeitslosigkeit von 35% und 60% bei den Jugendlichen vorzuweisen und aktuell kein Sozialsystem mehr, das diesen Teil der Bevölkerung abfedert. Ergo: Vermutlich haben Sie die 60 Euro nicht einmal. Aber egal.

Eine Bilderstrecke geht gerade um die Welt. Ein Mann in gesetzterem Alter bricht vor einer Bank in Tränen aus, sackt zusammen, wird betreut. Und die BILD-Zeitung hält derweil ein Referendum, ob Deutschland für den Griechen weiter zahlen möchte. Unter ihrer Leserschaft natürlich. Denn BILD-Leser wissen mehr und sie wissen, dass es immer einen Schuldigen geben muss und das ist der raffgierige Grieche, der mehr als 60 Euro am Tag abheben möchte.

Griechenland jedoch, das ist die Gegend, die die Deutschen bisher gern zum Urlaubsland gemacht haben. Schön klischeehaft mit Oliven, Feta und Ouzo, gebratenem Fisch und Wein den Sonnenuntergang und das „lockere südländische Leben“ genießen. Griechenland liegt nicht in Nordafrika, Griechen ertrinken nicht im Mittelmehr. Griechenland hat auch gerade (noch) keinen Bürgerkrieg. Das bringt zweierlei Dinge mit sich. 1) „geht es denen ja gar nicht so schlecht“ und die sollen sich mal nicht so aufspielen. 2) jedoch ist Griechenland trotzdem gerade weit entfernt genug, um absolut nichts über das Alltagsleben dort zu wissen. Klar, wir kennen die Akropolis und irgendwann hatte es dort mal Philosophen. Und Grillteller.

Und nun hat es dort eben Kommunisten. Böse, Zähne fletschende Kommunisten, die an unser Geld wollen. Unser. Hart. Verdientes. Geld. Das kann er nicht vertragen, der Deutsche. Den Gedanken, dass er irgendwann morgens aufwacht und kein Geld mehr von seinem Konto abheben kann. Da würde er weinend aus der Bank laufen und seinen Kummer der Welt klagen, bevor er gebrochen zusammensackt und sich Beamte und Sanitäter um ihn kümmern müssen.

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Titelbild: Mick Baker / Flickr unter CC-Lizenz

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