Der konservative Block

Du bist dumm – Nein, du bist dumm – Zack, zack. Block. Ruhe. Nichts macht mehr Spaß, als sich seine Stille selbst zu erklicken. Das Sandschäufelchen behält dabei der Schnellere, während der andere noch von Zensur und Morallosigkeit schwadroniert. Bis wohin geht die Toleranz im Netz und wo sollte sie ihr Ende finden?

Blocken gegen den Wahnsinn

Eines Morgens öffnete ich meinen Maileingang und wo mir gerade noch der Kaffee geschmeckt hatte, war nun innere Leere. Jemand hatte gewagt, meine Arbeit zu kritisieren. Litheart war noch jung und knackig und wir bekamen recht selten Post. Und plötzlich Kritik. Kritik – an meinem Herzensprojekt, das ich so sorgfältig pflegte? Ich löschte die Mail und trug sie noch Tage in meinem Kopf mit mir herum. Das war kurz bevor ich mich im Netz das erste Mal für einen wirklichen Block entscheiden musste, denn nur wenig später hatte ich mir meinen ersten Hassstalker eingefangen. Einen von der Art, von der man von Kollegen immer mal wieder hört, aber die man selbst ja gar nicht anziehen kann. Die meiste meiner Arbeit fand im Anonymen statt, die wenigen Bühnentexte und Kurzgeschichten, die man öffentlich hatte einsehen oder hören können, wen sollten die interessieren. Und so war ich verwundert, als mir ein Leser Tage später nach dem ersten Löschen eine Auflistung aller Tippfehler eines Textes schickte. Ich teilte ihm mit, dass ich die Arbeit wirklich zu schätzen weiß, aber für ein kostenloses Ebook nun mal kein Korrektorat vorschalten kann. Hätte ich das mal lieber für mich behalten, dann es folgten nun wöchentliche Psychogramme. Er «analysierte» alles. Tweets, Facebookposts, journalistische Artikel, Blogposts, Kurzgeschichten, nur um immer wieder seinen Punkt zu wiederholen, dass ich psychisch krank sei, solche Texte könne kein Gesunder schreiben. Ich las diese Mails eine ganze Weile lang, dann blockierte ich ihn. Eine Weile war Ruhe, bevor Morddrohungen folgten. Ich schaute mir die alten Mails noch einmal an und beschloss, dass er diese Posts nicht aus dem öffentlichen Teil meiner Profile gefiltert haben konnte. Und so löste ich das Problem, in dem ich das Profil wechselte und einige hundert Kontakte in die Wüste schickte.

Das ist etwa fünf Jahre her. Angefangen hatte ich in den Netzwerken vor etwa 9 Jahren mit der Prämisse, Menschen nicht zu blocken. Weder für ihre politischen Ansichten, noch für persönliche Kommentare. Ich sagte mir damals, dass man Menschen auch im Alltag nicht einfach wegklicken könne. Problemen müsse man sich stellen, Argumente könne man ja sachlich diskutieren. All dieser ideologische Quatsch, der im «Netz 1.0» noch funktionierte. Heute kann ich durch meine Twitter-Blockliste gemütlich einige Minuten lang scrollen. Und die Avatare der geblockten Accounts erinnern mich oft sogar auf den ersten Blick, was zum Block geführt hat. Kleine Deutschlandfähnchen, Reichsflaggen und andere Equivalente zum Heckscheibenaufkleber «Todesstrafe für Kinderschänder» haben sich dort angesammelt.

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Unpolitische Aluhüte

Es ist ziemlich mühselig, von mir geblockt zu werden, denn noch immer sortiere ich sorgsam zwischen abweichender Meinung und Menschenfeindlichkeit. Nichts läge mir ferner, als zum Beispiel Erika Steinbach zu blocken, die sich auf Twitter oft die allerniedrigste Stufe der Meinungsäußerung mit Rechtsaußen teilt. Warum auch. Ich muss ihren Tweets nicht folgen, es gibt keinen Gesetzesentwurf, der vorsieht, dass man sich über die Meinung eines Politikers täglich ärgern muss. Es gibt übrigens auch keine Verordnung, nach der man auf persönliche Beleidigungen eingehen muss.

Wo beginnt und endet die klassische politische Meinung, die man ignorieren oder annehmen kann, diskutieren oder wegklicken? Das hängt sicherlich in weiten Teilen von der eigenen politischen Ausrichtung ab. Aber Vorsicht, denn in den letzten zwei Jahren, auch immer deutlicher seit «Pegida», gibt es nur wenige Nischen, in denen man wirklich unpolitisch sein kann. Beginnt das Gegenüber den Satz mit «Ich bin weder links noch rechts», dann wird die Unterhaltung meist nach hinten hinaus nicht unbedingt angenehmer. «Ich bin unpolitisch» ist das neue «Ich habe nichts gegen …, aber». Unpolitisch, das heißt heute gern, die etablierten demokratischen Parteien nicht zu akzeptieren und darum gedanklich eher bei den Reichsbürgern zu sein. Unpolitisch, das bedeutet häufig, dass Amerika der Klassenfeind ist und von der jüdischen Weltverschwörung geleitet wird. Unpolitisch, das steht auch für «Deutschland ist immer noch besetzt» und Schmuse-Soul-Pop. Meine Blockliste besteht zum größten Teil aus Unpolitischen.

Meine politische Gesinnung lasse ich mir grundsätzlich am liebsten von Außenstehenden erklären, die durch einen einzelnen Tweet auf mich gestoßen sind. Würde ich jedes Mal eine Reichsmark bekommen, wenn mich ein rechter Unpolitischer als links-grün versifften Gutmenschen betitelt, ich könnte die Summe einschmelzen und zu einer kleinen Lenin-Statue formen. Nun bin ich aber gar nicht «links-grün», sondern viel eher teile ich hier und da linke und grüne Ansätze. Ich habe lange Zeit FDP gewählt, da ich liberales Gedankengut als sinnvoll erachte, leider sehe ich es praktisch nicht gut umgesetzt. Und natürlich wähle ich, aber immer öfter setze ich mein Kreuzel bei der Partei, denn sie ist sehr gut. Links-grün mögen vielleicht meine Ansichten zu Geflüchteten- , Migrations- und einer Handvoll anderer Themen sein. Aber diese Differenzierung ist nutzlos, wenn ein Troll auf Twitter dir von 3 verschiedenen Accounts aus entgegenbrüllt, dass du «die doch bei dir daheim aufnehmen» sollst, oder wahlweise «nach da unten gehen, wenn’s dir hier nicht gefällt». Ein Blogger teilt mir alle Jubeljahre gar mit, wenn ich mit den Naziaufmärschen in Leipzig Probleme habe und mich hier nicht wohlfühle, solle ich doch meine Heimatstadt verlassen – statt mich gegen die Problemlage zu positionieren.

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Falkner liest Matussek!

Differenzierung im Netz ist ohnehin ein großes Thema. Ein Kontakt von mir, betreibt einen Facebookaccount, auf dem er in praktisch jedem Post darauf hinweist, dass Religionen böse und die Polizeireviere voller ödipaler Nymphomanen seien. Das ist seine Meinung. Nun gut, man könnte argumentieren, gerade ich als angehender Religionswissenschaftler könnte argumentieren – aber man argumentiert nicht mit Ideologen. Im Netz sind Dinge entweder böse böse, oder gut gut. Es gibt äußerst selten eine Positionierung eines «Ich fand … gut, aber zum Rest des Artikels stehe ich anders, nämlich …» denn diese Auseinandersetzung frisst Zeit. Und Zeit hat im Netz niemand. Und natürlich mache ich mich mit vereinfachenden Posts auch jeden einzelnen Tag dieser Sünde schuldig.

Manchmal lese ich die «Welt» oder «Zeit» und teile einen Gedankengang. Manchmal mache ich Scherze darüber, dass ich das tue. Aber manchmal teile ich den Artikel auch einfach und hoffe, dass der ein oder andere ihn trotzdem anklickt und die Punkte teilt, in denen ich auch eine Bestätigung erkennen kann. Der Fleischhauer-Fanclub war übrigens von dem obenstehenden Tweet überhaupt nicht begeistert. Ich glaube, ich hab selten in so kurzer Zeit so viele Beschimpfungen von völlig Fremden erhalten. Jan Fleischhauer selbst dürfte sich darüber jedoch nicht die Fingernägel abgeknabbert haben. Natürlich öffne ich auch mal einen Artikel eines Journalisten oder Kolumnisten, den ich für gewöhnlich nicht einmal für Geld anklicken würde. Meist bereue ich das, siehe jede einzelne Kolumne von Martenstein. Manchmal, im Falle Matussek, ringt mir das Lesen ein wenig Mitleid ab. Ich denke dann darüber nach, was den armen, alten Mann so verängstigt hat. Aber auch hier: Ich blocke ihn nicht, ich lese ihn einfach nicht. Bei einigen der rechtspopulistischen Kolumnisten steht das «Warum» in dicken Lettern im Gesicht geschrieben, Alkohol ist immer ein starker Hassmotor. Aber zum Beispiel würde mich auch bei Jürgen Elsässer interessieren, an welcher Stelle er von radikal links auf die doch eher rechtskonservative Spur abgeschwenkt ist, um es mal vorsichtig zu formulieren. Ich würde ihn ja fragen, allerdings hat man ja dann meist doch zu wenig Alltagsschnittpunkte, um sich zufällig beim Bäcker über den Weg zu laufen.

Wo ziehe ich also für mich die Grenze? Poschardt und Fleischhauer gehen klar, Martenstein und Broder kommen in die Tonne? Ganz so einfach mache ich es mir dann doch nicht. Das machen sich jedoch andere. Eines Tages blockte ich mal einen Kontakt, der mich darauf hinwies, dass ich versehentlich mit dem «roten Linksfaschisten» Leander Sukov verkontaktet bin. Nun kennen Leander und ich uns ja doch schon ein paar Jahre und so sehr ich diese wichtige politische Meinung auch respektiere, desto weniger wollte ich mit diesem Kontakt verbunden bleiben. Auch amüsierte ich mich königlich, dass ein CDU-Politiker, mit dem ich zähneknirschend einige Jahre befreundet war, sich wunderte, dass ich ihn löschte, nachdem er mehrmals in Beiträgen mit rechtsradikalen Initiativen gegen die Einrichtung einer Flüchtlingsunterkunft – in so ziemlich jedem Viertel der Stadt – vorgegangen war und seine Partei außerdem gegen Homosexuelle anfeuerte. Man merkt es sicher kaum in meinen Beiträgen, aber ich als homosexueller Mann bin dann doch nicht der große Freund von Menschen, die mich persönlich als Teufel an die Wand des untergehenden Abendlandes malen. Ehrliche Überraschung.

Blocken für den Seelenfrieden

Aber auch er wurde nicht geblockt. Wieso auch, schließlich war nichts Konkretes vorgefallen. Ich hatte einfach keine Lust mehr, seine stark abweichende Meinung zu verfolgen. Irgendwie erwarte ich immer, dass auch andere irgendwann konsequent genug sind, mich einfach zu entfolgen oder entfreunden, wenn sie merken, da ist nichts Gemeinsames. Stattdessen verwickelt man mich in lange Diskussionen, in denen man mir eine Meinung aufzupressen versucht. Statt anzunehmen, dass ich sehr wohl in der Lage bin, zum Beispiel Deniz Yücels TAZ-Kolumne bewusst weggedrückt zu haben, aber seine Welt-Beiträge ebenso bewusst aufzusuchen, versucht man mir entweder TAZ oder Welt oder Deniz im Ganzen auf’s Auge zu drücken.

Keine Diskussionen führen auch einige Mitglieder sozialer Netzwerke, wenn sie das Gefühl haben, man könnte etwas gegen ihr beleidigendes Auftreten haben. Es gibt Accounts, die kann niemand den ich kenne mehr lesen, weil derjenige so viele hundert Nutzer geblockt hat, dass meine Filterbubble komplett betroffen war. Gekränktes Ego oder ablehnende Gründlichkeit?

Natürlich muss am Ende jeder selbst entscheiden, ob und wann er blockt. Allerdings sollte hier und da auch versucht werden, aus seiner Informationsblase auszubrechen und sich nicht selbst gegen andere Meinungen zu sperren. Wenn der links-grün versiffte Gutmensch doch nun einmal einem konservativen Artikel zustimmt, oder einem Blogger folgt, dem Sie selbst einmal das Sandschäufelchen weggenommen haben, dann lassen sie ihn doch. Im schlimmsten Falle erweitert er seinen Horizont.


Titelbild: Christliches Medienmagazin / Flickr / Unter CC-Lizenz

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