Wie ich einmal 5 Jahre lang ein Blog künstlich beatmen ließ

Im April diesen Jahres zog ich den Stecker. Mein Kulturblog Litheart, kurz für «Literature, Theater & Art», hatte es sich verdient, abgeschaltet zu werden. Doch was nun nicht mehr als ein Archiv von etwa 350 Artikeln darstellt, hatte mit einem idealistischen Ansatz begonnen und hat mir über die Jahre die Grenzen der Zielgruppe aufgezeigt.

Blogs ohne Grenzen

Jeder Internetuser bekommt beim Anlegen eines Social-Network-Profils automatisch einen oder mehrere Blogs zugeordnet, um die er sich zu kümmern hat. Zumindest erhält man diesen Eindruck, wenn man sich die aktuelle Bloglandschaft anschaut. Netzwerke wie Tumblr setzen komplett auf den Blog als Bilder- und Textsammlung, hier allerdings mit einem System, das den User befähigt, das eigene Blog komplett mit Posts anderer User zu füllen. Der klassische Blog jedoch muss die Inhalte selbst produzieren, mit denen er sich darstellen möchte.

Es gibt Blogs zu persönlichen Themen, Hobbyschreiber-Blogs, Kochblogs, Werbeblogs, Blogblogs. Dem Bloggen sind keine Grenzen gesetzt, zumal Systeme wie WordPress kostenlose Möglichkeiten zum Publizieren bieten. Ich glaube, mein erstes Blog habe ich irgendwann um das Jahr 2000 herum eröffnet, geschlossen, neu eröffnet, geschlossen. 2010 dann hatte ich mir in den Kopf gesetzt, ein Langzeitprojekt zu beginnen, bei dem ich die Kulturbesprechung an sich für mich persönlich überarbeiten wollte.

Alles wegrezensieren

Selbst seit Jahren im Literaturbereich hauptberuflich tätig, war mir aufgefallen, dass die Literaturkritik sich heute in den meisten Medien auf die ersten fünf Seiten eines potentiellen Bestsellers stützt. Das wollte ich anders machen. Auf meiner Plattform sollte nur besprochen werden, was bis zum Nachwort wirklich gelesen worden war. So weit die Prämisse. Außerdem wollte ich hier und da ein paar Lieblingsbands promoten und vielleicht selbst die ein oder andere Neuentdeckung machen. Ob mir das nachfolgend fünf Jahre lang gelang, sei dahingestellt. Aber zumindest sollte bei mir, und später bei uns, das Hauptaugenmerk auf der Kommunikation mit Labels und Verlagen liegen, mit Musikern und Autoren und auch Interviews sollten nicht zu kurz kommen.

Nicht bedacht hatte ich dabei, dass ich damals kein besonders schneller Leser war. So erschienen die Buchbesprechungen oft nach bis zu 25 Stunden Arbeitszeit pro Buch. Fast eine gesamte Arbeitswoche für einen Artikel, der manchmal dann nur fünfzig Leser erreichte. Das ist kein guter Schnitt, auch für ein Nebenprojekt nicht.

Interview doch mal Dings auf seinem Konzert!

Ich bin kein ausgebildeter Journalist. Allerdings sind die meisten Journalisten das auch nicht. Man kann Journalismus und guten Text lernen und gerade, wenn man sonst in Öffentlichkeit und Content-Text tätig war, ist der Schritt zur guten Rezension nicht weit. Zum Interview jedoch, musste ich schnell lernen, ist er weitausladend. Ich würde sagen, dass die von mir über die Jahre geführten Interviews wohl die schlechtesten waren, die ich selbst je gelesen habe. Das lag zum einen an den begrenzten Möglichkeiten, den Interviewten zu erreichen, ein Budget für Reisen hatte Litheart nie, zum anderen an mangelnder Kreativität bei der Fragestellung. Wo man mit einem Interview hin möchte, das merkt man oft erst, wenn das Interview bereits geführt ist.

Im Jahr 2011 habe ich für ein Buchprojekt über fünfzig Menschen interviewt, in persona und mit Aufzeichnung und allem. Aus dem Buch wurde damals dann nach getaner Arbeit dennoch nichts, die Gründe waren vielfältig. Aber es lässt sich zumindest sagen, dass die teils zweistündigen Gespräche mit Privatpersonen deutlich mehr Gehalt hatten, als die für Litheart oft per Mail geführten Kurzinterviews. Seitdem weiß ich – Interviews für mich nur noch persönlich.

Lernen aus der Krise

Litheart hat mir in den fünf Jahren ein paar Dinge über das Internet, die Zusammenarbeit mit Produzenten und den Leser beigebracht. Diese sind weder überraschend, noch gemeingültig. Zum einen sollte man den Umstand, dass Menschen sich von Boulevard und großen Überschriften mehr angezogen fühlen, als von einer sachlichen Buchkritik, nicht unterschätzen. Je brisanter und aktueller das Thema, desto mehr wurde es geklickt. Der Redakteur sollte außerdem nie den Fehler machen zu glauben, nur weil er selbst das Thema interessant findet, kann er damit auch nur seine Online-Freundesliste begeistern. Oft erreichte selbst innerhalb der anvisierten Zielgruppe ein Artikel nicht annähernd die Leserzahlen, die nötig gewesen wären, um eine Verbreitung in Gang zu bringen.

Dein Lieblingslabel liebt dich

Also 350 Artikel lang Frust? Mitnichten. Was das Blog am Laufen hielt war neben meinem ungebrochenen Willen, Kultur unter die Menschen zu bringen, vor allen Dingen die Pressezusammenarbeit mit den angesprochenen Produzenten und Künstlern. Wenn du dich mit einem Autorenkollegen ausführlich über sein Buch unterhalten kannst, bevor du den Artikel dazu schreibst, ist die Chance hoch, dass du auch als privater Leser einen Nutzen aus der Besprechung ziehst. Hast du Labels, die du jederzeit erreichst, um Nachfragen zu Platten zu stellen, oder dir deinen Platz auf Gästelisten der Konzerte zu sichern, verschafft das ein gewisses Wohlbefinden. Ich habe in den fünf Jahren auch gelernt, die Presseverteiler zu Neuerscheinungen zu schätzen. Vor allen Dingen solche, die mir keine 50MB großen PDFs zusandten, wie der ein oder andere Verlag, der auf mehreren hundert Seiten sein Gesamtprogramm publiziert, sondern in kleinen Happen. «Hier guck mal, heute erschienen» spricht auch den Pressemenschen mehr an, als «Und das können Sie in den nächsten ZWEIHUNDERT JAHREN von unserem Verlag erwarten».

Wenn Sie mal einen hübschen Newsletter abonnieren wollen, egal ob Sie gern Musik hören, oder lieber still in Ihrer Freizeit Tapetenmuster zählen, entscheiden Sie sich zum Beispiel gern für den Labelnewsletter von Audiolith, in dem Chef Lars Lewerenz gern unregelmäßig kleine poetische Abfassungen verschickt.

Deine Redakteure lieben Dich nicht,

sie kennen Dich nicht mal

Ich habe außerdem gelernt, dass es Menschen gibt, mit denen möchte man nicht einmal gutbezahlt zusammenarbeiten. Einige der Redakteure, die sich – natürlich ebenfalls fünf Jahre lang ehrenamtlich, denn wir haben mit Litheart bewusst nie Geld eingenommen, auch nicht durch Werbung – über die Jahre dem Blog angeschlossen haben, waren zuverlässige, nette Kollegen, mit denen ich auch in Zukunft gern zusammenarbeite. Aber es gab auch das exakte Gegenteil. Meine schönsten Erlebnisse hatte ich mit Menschen, die sich mir in flammender Rede als neuer Stern am Journalismushimmel vorstellten, mich ihr Profil anlegen ließen, sich für mehrere Artikel voranmeldeten, zu denen sie mir auch Themen präsentierten. Und dann. Nichts.

Und mit «Nichts» meine ich, dass ich tatsächlich teils nie wieder etwas von ihnen gehört habe. Keine Antwort auf Rückfragen, wann der geschedulte Artikel nun wirklich kommt, einige machten nach Redaktionsrundmails, die ich sehr selten und nur im Notfall verschickte, gar den Eindruck, als hätten sie von mir und dem Blog noch nie gehört. In diesem spannenden Paralleluniversum verschwanden viele von ihnen wieder, wenn ich nach zwei Jahren Inaktivität ihr Profil löschte. Der ein oder andere überhob sich auch mit beruflichen Projekten und der Zusammenarbeit mit Litheart und einigen möchte ich ganz klar unterstellen, dass sie vor ihrer Bewerbung noch nie einen Text geschrieben hatten, egal in welchem Context, und massiv verunsichert waren, nachdem ich ihnen mitteilte, dass ich zu einem fünfhundertseitigen Buch durchaus mehr erwarte, als einen halben Absatz.

Was kann dieses Litheart?

Litheart hat dennoch viele tausend Menschen erreicht. Das Feedback, welches ich oft persönlich per Mail bekam, hat mir gezeigt, dass viele Menschen den Blog über die fünf Jahre hinweg regelmäßig und gern verfolgt haben. Dennoch habe ich vor einigen Wochen die Arbeit daran ein- und die Seiten umgestellt zu einem kostenfreien Archiv. Denn neben Zeit habe ich über die Jahre in den Betrieb auch Geld investiert. Das Archiv werde ich auf lange Sicht noch etwas übersichtlicher gestalten, damit die 350 Artikel nicht verloren sind und die tausenden damit verbundenen Arbeitsstunden nicht vergeudet.

Was bleibt? Das diffuse Gefühl, dass man mit einem Kulturblog keine Massen erreicht und das vielleicht auch okay ist. Es mangelte nicht an Werbung und Marketing, nicht an Inhalten und nicht an guter Zusammenarbeit. Ich habe mit einigen Artikeln die Popularität von Lieblingskünstlern und -kollegen deutlich gepusht, das rechne zumindest ich selbst mir als Erfolg an. Und ganz sicher habe ich über die Jahre gelernt, wie man guten unterhaltsamen Rezensionscontent schreibt, was dann widerum in meine eigentliche Arbeit positiv eingeflossen ist.

Die fünf Jahre waren keine Vergeudung von Ressourcen, aber sie waren ein Lehrstück in Sachen Blogs und Onlineprojekte.

Litheart ist heute als Archiv erreichbar unter litheart.wordpress.com

PS: Hallo „das/der“-Blog-Debatte. Es ist mir völlig, absolut und vollumfänglich egal. Danke.


Titelbild: Jens Friebe / Foto: «Herr Herrner» unter CC via Flickr

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