Von Kindern und Neokolonialisten

Ein Hochlied auf unsere Wirtschaftsblase

Ein Beitrag von Oliver Pryde

Wieder einmal hat der volkstümliche Barde Andreas Gabalier eine volkstümliche Diskussion zu einem volkstümlichen Thema vom Zaun getreten. Hat er im Vorjahr provokativ die „Töchter“ wieder aus der Bundeshymne gesungen (zumindest für eine Darbietung), so meinte er jetzt im Rahmen der Amadeus-Preisverleihung, dass Frauen länger beim Kind bleiben sollten. Wie zu erwarten, war die Empörung groß. Warum eigentlich?


Es ist wie mit dem Milchflaschi: Hersteller von Muttermilchersatzprodukten sind per Gesetz verpflichtet, in ihren Einschaltungen darauf hinzuweisen, dass „Muttermilch das beste für das Kind“ sei. Ihr Produkt wollen sie natürlich trotzdem verkaufen, deshalb folgt ein 15-Sekünder voller Vitaminzugaben und glücklicher, unabhängiger Kinder. Beim Thema Kindererziehung verhält es sich ähnlich. So ziemlich jeder wird sagen – besonders jeder, der selbst Kinder hat – dass Kleinkinder am besten in der Familie großgezogen werden, zumindest von nahen Verwandten in vertrauter Umgebung, am besten aber von den Eltern selbst. Trotzdem ist man im Mainstream der Meinung, dass Kinder aber allerspätestens mit zwei Jahren in den Kindergarten „gehören“. Vorgeschoben werden Argumente wie soziale Kompetenz, Horizonterweiterung, erstes Lernen, bei Migrantenkindern die sprachliche Förderung, kurz: Das Miteinander.

Der eigentliche Grund ist ein viel nüchternerer: Es soll niemand länger als die Maximalkarenzzeit „daheim“ bleiben. Bevorzugt Kinderlose sind ja felsenfest der Meinung, dass Eltern, die beim Kind bleiben, ein legeres Leben in Gemütlichkeit führen („wie die Arbeitslosen“) und schleichend Verdummen (Windelhorizont-These). Und überhaupt, wie kommt man dazu, denen den Lenz auch noch mit Steuermitteln zu finanzieren? Grundsatzdiskussionen zum Thema soziale Solidarität und Vergleiche mit der Krankenkassa werden da meist wüst vom Tisch gefegt.

Weiters sind sich Wirtschaft und Politik einig, dass beide Elternteile arbeiten gehen sollten. Eigentlich müssen. Immerhin muss man an seine Karriere denken, es soll schließlich auch ein Lebensstandard erhalten werden. Das der selbe Lebensstandard vor 30, 40 Jahren ohne Probleme von einem Gehalt zu ermöglichen war – Auto und Urlaub berücksichtigt – blendet man da gerne aus, immerhin gibt es jetzt ja viel mehr tolle Dinge zu kaufen. Dass man für die heutigen Mietpreise einer 70qm-Wohnung in Meidling umgerechnet damals ein Loft mit Wienblick haben konnte, ebenfalls.

Obwohl eine Karenz von bis zu drei Jahren möglich ist, kassiert jede Frau einen schiefen Blick, wenn sie nach einem Jahr nicht wieder zurück in die Arbeitswelt möchte. Männer, deren Karenz über die gesellschaftlich anerkannten, obligatorischen sechs Wochen hinausgeht, haben sowieso gleich den Ruch des Berufsversagers (und ja, für viele ist die bewusste Entscheidung für eine ordentliche „Väterkarenz“ ein Karrierekiller, schlimmer noch als bei Frauen, „profil“ hat das vor einigen Jahren zum Thema gemacht). Ich selbst wurde öfter von fremden Personen des Alltagslebens (z.B. der Supermarktkassierin) während meiner einjährigen Karenz gefragt, „wo denn die Mutter“ sei, als ich zwei Wochen in Folge die Einkäufe mit Kinderwagen erledigte. Gelebte Vaterschaft hat die gesellschaftliche Mitte eben noch nicht wirklich erreicht.

Es ist für Frauen mittlerweile ein absolutes Stigma, sich für ein Leben mit Kindern zu entscheiden. Da wird man schnell zum Heimchen am Herd, ist sozial und feministisch Rückwärtsgewand und man strahle ein „falsches Signal“ an Mädchen aus. Gleichzeitig türmen sich die Umfragen, aus denen herauskommt, dass sich viele junge Frauen lieber für die Familie als für einen 9to5-Arbeitstag mit Option auf Ende nie entscheiden würden, wenn „die Umstände es erlauben“ würden. Man möge mich bitte nicht falsch verstehen: Jede Frau soll für sich das Leben wählen, dass sie für sich als am Besten erachte. Dazu gehört aber auch zu Respektieren, dass sich Frauen für die Mutterschaft entscheiden und – speziell – andere Frauen sie deswegen nicht zu mobben haben, weil es nicht in das eigene ideologische Korsett passt. (Randbemerkung: In vielen Kulturkreisen ist das noch der Status quo und wird, wenn in Europa gelebt, auch nicht Hinterfragt, weil „das ist halt so“.)

Bei Männern ist die Sache noch etwas schwieriger. Kann man bei Frauen im Zweifelsfall damit argumentieren, dass das „halt eh immer schon so war“ und schließlich die Frauen die Kinder auch zur Welt bringen und damit eine ganz andere Ebene in Sachen Bonding haben, stehen in der Regel Männer, die sich für ein Leben daheim bei den Kindern entscheiden, komplett im Off. Prinzipiell beißt sich hier die Katze in den Schwanz; einerseits wird seit Jahrzehnten damit geworben, dass „ganze Männer halbe-halbe“ machen, Väter gut und wichtig sind, andererseits steht man als Vater z.B. im Trennungsfall als halbautomatischer Verlierer da, weil im Zweifel immer pro Mutter entschieden wird – historisch gewachsen. Man könnte fast meinen, die Politik hat hier Angst vor der eigenen Courage. Aber ich schweife ab.

In der ganzen Diskussion um „Wann sollen Kinder in Fremdbetreuung“ gibt es einen ganzen Haufen an Texten, die begründen, warum man damit eigentlich nicht früh genug anfangen kann. Auf der anderen Seite gibt es genug Studien, die belegen, wie essenziell wichtig die ersten Jahre für Kinder sind, in Bezug auf ihre Gesamtentwicklung. „Gestillte Kinder haben statistisch einen höheren IQ“, „Kinder aus intakten Familien lassen sich seltener Scheiden“ und so weiter, um nur zwei Beispiele zu nennen. Zusammengefasst muss man fragen: „Was ist das beste für das Kind?“. Die Antwort darauf kann nur individuell ausfallen. Es gibt keine Allgemeinformel für Kinder, besonders nicht bei so einem heiklen Thema. Manche Kinder kann man ohne Probleme mit einem Jahr in Fremdbetreuung geben, andere werden mit drei Jahren noch den ganzen Vormittag bitterlichst nach der Mama weinen.

Und genau weil das eine individuelle Frage ist, kann man sie nur individuell beantworten. Wie oft höre ich in der Krippengruppe, dass ein Elternteil zum weinenden Kind sagt, es „Muss!“ jetzt in den Kindergarten gehen. Letzte Woche meinte ein Vater zu seinem Sohn, der wieder nach Hause gehen wollte doch tatsächlich „Du bist jetzt schon groß, du hast jetzt auch Verpflichtungen!“ – genau hier läuft es dann aus dem Ruder, genau das ist mein Kritikpunkt! Zweijährigen Kindern wird erklärt, die hätten „Verpflichtungen“, weil das Wirtschaftssystem danach verlangt! Am Ende sind alle gestresst und unglücklich.

Szenenwechsel. Man kann mindestens einmal im Quartal eine Zeitung der Wahl aufschlagen und lesen, das bis zum Jahre Zwotausendundirgendwas mehr Pensionisten als Kinder im Land leben, alternativ, dass die Sterberate höher als die Geburtenrate liegen wird. Das Allheilmittel: Migration. Bevor mir jetzt jemand vorwerfen mag, ich versuche hier Hetze gegen Migranten zu schüren: Nein. Man muss das in einem breiteren Kontext sehen, den ich versuche vereinfacht darzustellen.

Die Geburtenraten sinken. Das mag teils dem – Achtung, konservatives Buzzword – party- und egoorientiertem Lifestyle geschuldet sein, teils dem schon besprochenem Umstand, dass Karriere vor Kind kommt, selbst wenn man es lieber umgekehrt hätte. Peer pressure is the key. Politik und Soziologen sind sich daher einig, dass man diesen Missstand dadurch ausgleichen muss, indem man gezielt Leute ins Land holt, die dann diese Lücken füllen. Der durchschnittliche Rechte würde jetzt etwas von „Umvolkung!!!11“ daher schwafeln, übersehend, dass es dabei um Fachkräfte geht, nicht um Gebärmaschinen. Der vife Linke müsste jetzt eigentlich „Neokolonialismus!!!!1“ aufheulen, macht es aber nicht, weil er es nicht erkennt: So, wie früher aus fremden Ländern die Ressourcen und Schätze abgesaugt wurden, passiert das nun mit den hellen Köpfen und geschickten Händen. Das Ergebnis? Länder und Kontinente werden ihrer intellektuellen und handwerklichen Créme beraubt, damit „der Westen“ weiter fröhlich Wirtschaftsmotor spielen kann. Der praktische Nebeneffekt ist dann, dass diese Länder wieder oder weiter abhängig vom Westen werden/bleiben, weil einfach das Know-How nicht da ist, gewisse Wirtschaftszeige autark zu entwickeln. Das mag jetzt sehr dystopisch klingen, ist aber die einzig logische Schlussfolgerung, wenn man das Szenario zu Ende denkt.

Nicht nur in der Linken wird fallweise gerne laut über ein so genanntes „Bedingungsloses Grundeinkommen“ (BGE) nachgedacht. Kurz angerissen ist das BGE ein Fixbetrag, den jeder Bewohner eines Landes bekommen soll, um die Basiskosten zu decken und damit Armut und Prekariat effektiv zu bekämpfen. Klingt ja prinzipiell nicht schlecht, die Gefahr ist eben, dass eine gewisse Schicht an Leuten dann die Suche nach Arbeit überhaupt einstellen und das Pfusch und Schwarzarbeit explodieren würden. Wieso denkt man nicht auch über eine Art „Elterngehalt“ nach? Karenz und Kindergeld streichen und individuell so hin modellieren, dass gewisse Grundkosten bis zur Volljährigkeit oder dem Wiedereintritt ins Berufsleben einfach gedeckt sind – und wenn es nur die Miete ist. So schafft man Anreize zur Familiengründung und nimmt viel Druck aus der ganzen Thematik. Eine so wohlhabende Gesellschaft, wo man das Füllhorn des Steuergeldes über jede Bank schüttet, die zu husten beginnt, darf eigentlich nicht die Frage stellen, ob man sich eine Familie „leisten“ kann – egal, ob finanziell oder Lebensplanerisch. Sie, meine lieben Leser, bitte ich nun, kontrovers darüber nachzudenken. Vielleicht auch eine Nacht darüber zu schlafen – und dann erst zu kommentieren.

Prinzipiell bin ich kein Freund des Nannystates, aber ein großer Freund sozialpolitischer Errungenschaften, die gekommen sind, als es machbar wurde. Krankenkassen, Arbeitslosengeld, Mietzuschüsse – ohne diese Instrumente würde unsere Gesellschaft in die Armut stürzen. Es ist daher in dieser Zeit nur sinnvoll, Familien zu ermöglichen, solche zu sein, ohne am Ende des Monats vor der Wahl zu stehen, zu heizen oder zu essen, oder ein im schlechtesten Fall entfremdendes Verhältnis mit seinen Kindern zu riskieren, weil man das wirtschaftliche Wohl von Konzernen über die emotionalen Bedürfnisse seiner Kinder stellt. Und wer hier jetzt den Vergleich mit dem Mutterkreuz zu bemühen sucht, der soll bitteschön selbst langsam aus den finsteren Teilen des 20. Jahrhunderts in die Gegenwart finden.

Und meines Wissens hat am Totenbett noch keiner gesagt, er hätte sich gewünscht, mehr Zeit im Büro zu verbringen, als mit der Familie. Umgekehrt sehr wohl.


Oliver Pryde (31) ist Vater von zwei Mädchen, lebt und arbeitet in Wien, und hat nebst diverser subkultureller und politischer Engagements unter anderem ein paar Jahre für VICE geschrieben.

Beitragsbild: fotoculus unter CC

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