Frühling der Rückschritte

Es gibt Nachrichtenberichterstattungsmonate (drölf Punkte beim Scrabblen), da weiß der Leser nicht, worüber er sich zuerst empören soll. Aber in diesem Monat waren sie alle sein Feind. Die psychisch Erkrankten, die genetisch Nichtheterosexuellen, die beruflichen Schreiber, Menschen mit Bart, Menschen eines anderen Glaubens (als der atheistische Demonstrant, der nur zu Weihnachten Wert auf sein Krippenspiel legt), aber ganz besonders – der Grieche, die Sau!


Wir schreiben den 31ten März 2015. Es ist 12Uhr15. Ich merke dies an für den Fall, dass dieser Beitrag dereinst von einer zivilisierten Gesellschaft archäologisch aufgearbeitet werden soll und man sich nicht sicher ist, ob das zu Beginn der Jahreszahl eine 1 oder eine 2 darstellen soll. Dabei ist der Font gar nicht der Schlechteste. Es ist eine 2. 2 wie in „Wo bleiben die Hovercars“ und 2 wie in „Wir hatten jetzt 2.000 Jahre nach Beginn der christlichen Zeitrechnung Raum, um unsere Probleme zu sortieren und teilzulösen“. Das haben wir nicht getan. Aktuell entwickelt sich die freie westliche Wohlstandsgesellschaft zurück.

Es begann Alles mit Hitler. Oder Bin-Laden. Einer von beiden hat an der aktuellen Lage Schuld. Was als harmloser religiöser Fanatismus begann, der in Kellern bei Bier und Brezeln ausgelebt wurde, ist zu Pegida herangewachsen. Heute gehen Menschen völlig witzlos unter dem Anglizismus „Endgame“ auf die Straße gegen Amerikanisierung. Menschen, die den Reichsbürgern nahestehen. „Den Reichsbürgern?“ Fragt sich nun unser Archäologe. Er sei darüber aufgeklärt, dass sich mitten in Deutschland eine Gruppe angesiedelt hat, die ein Staatsgebiet abgesteckt und für verfassungsablehnend erklärt hat. Diese zahlen keine Steuern an den deutschen Staat, drucken ihre eigene Währung und Pässe und weil das offenbar jeder Angelverein darf, lehnen sie mitten in Baden-Würrtemberg die deutsche Regierung als unzulässig ab. Aha. Zurück zu den Reichsbürgern von Gida und Endgame. Gegen die Islamisierung des Abendlandes ist man hier. Ähnlich wie die „Hooligans gegen Salafisten“, nur dass sie sich für die „Spaziergänge“, die mit tausenden Beamten im Einsatz den Rest der Bevölkerung jeden Montag Millionen kosten, die Gesichtstätowierungen abkleben müssen.

Nicht in Deutschland, aber präsent: Der IS. Der „Islamische Staat“, der von allen Muslimen, die nicht in ihm leben, abgelehnt wird, zerstörte diesen Monat großflächig kulturhistorisches Welterbe in Syrien. Den Rest verkaufte er. Dazwischen ein paar hundert Morde. Aber Syrien ist weit entfernt und so wanderten aus Deutschland Jugendliche dorthin aus, einige um gegen den IS zu kämpfen und dabei um’s Leben zu kommen, andere, weil es dort Swimmingpools gibt. Der einzige Ort, gefühlt, an dem der IS nicht ist, ist im Abendland, denn hier beschützt uns Gida-Führer Lutz Bachmann. Für die kommenden Wochen sind in Dresden Redner wie Geert Wilders geladen. Geert Wilders, das ist der lustige Niederländer mit der gebleichten Dauerwelle, die im Naturzustand einmal aus dunkelbraunen Löckchen bestand. Wilders ist sehr daran interessiert, das Abendland zu retten. Leider darf seine Partei, die PVV, darum nicht mehr mitregieren.

In Deutschland scheitern derweil Anträge, die NPD zu verbieten und Die Rechte zu ignorieren. Weggucken fällt bei Menschen wie „SS Siggi“ so verdammt schwer. Bei NSU-Ermittlungen dagegen gar nicht. Nachdem einer der Hauptzeugen vor einiger Zeit in seinem Auto verbrannte, wurde diese Woche seine Freundin tot aufgefunden. Nazi-Probleme haben wir in Deutschland zum Glück nicht mehr, deswegen gab es auch in diesem Monat wieder Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte. Zuletzt bewarfen Gida-Anhänger Gegendemonstranten mit toten Küken. Ja, toten Küken.

War das schon Alles? Natürlich nicht. Ein vermutlich hochdepressiver Co-Pilot flog eine Urlaubermaschine in den sicheren Tod und zog einige hundert Menschen mit hinab in seinen Suizid. Das entfachte Verschwörungstheorien. Meine liebste: Schwule Dämonen hielten ihn besetzt.

Aber sind nicht alle Nichtheterosexuellen Dämonen? Zumindest sieht man das in Indiana so. Dort dürfen Geschäftsinhaber nun ausweisen, wenn sie Homosexuelle nicht in der Nähe ihrer Einkaufsgelegenheiten sehen möchten. Wie sich das gesamte Gesetz von dem Anti-Homo-Propaganda-Gesetz Russlands unterscheidet, für das Putin sich seit 2 Jahren rechtfertigen soll, das wissen vermutlich nur die Medien.

Die Medien? Da war doch was. Nachdem die Bild-Zeitung privateste Details aus dem Leben des suizidalen Co-Piloten veröffentlichte, Urlaubsfotos, Fotos seiner Familie, Interviews mit Exfreundinnen druckte, gerieten die Medien unter so heftige Kritik, dass per Twitter und FB eine Welle des Hasses über den „Journalismus ansich“ brandete. Journalisten, das sind die neuen Polizisten, sind die neuen Soldaten, sind die neuen Hexen. Wer heute noch freiwillig Journalist bleibt … Tilo Jung zog da Konsequenzen und orientierte sich lieber gleich um. Er hat damit Trend gesetzt, noch bevor das Unglück überhaupt geschehen war.

Und mit Unglück meine ich diesen März. Und mit geschehen meine ich die gesammelten Shitstörmchen der Internetze. Und mit Internetz meine ich, dass man aus dem April durchaus etwas machen könnte. Vorher sollten wir alle lernen, unsere Schuhe selbst zu binden, uns einen schönen laktosebehafteten Chai ohne Sojamilch (Monokultur schlägt Gesund) aufkochen und darüber meditieren, ob wir uns das Jahr 2015 so vorgestellt hatten.

PS: Ich habe den Griechen vergessen. Der Grieche die Sau. Der nimmt uns das Geld in Form von Krediten weg, für die wir seit Jahrzehnten begeistert Wucherzinsen einstreichen. Und dann will der noch mehr Kredite! Noch mehr Geld für uns! Verdammt! Und er hat einen Mittelfinger! Gute Güte! Der Grieche soll weggehen!


Beitragsbild: Picturepest unter CC

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